Kultur : Mundsüchtig

„Gesegnete Mahlzeit“: Das BE feiert George Tabori

Andreas Schäfer

Regie George Tabori, Probenleitung Hermann Beil, heißt es im Programmheft zu „Gesegnete Mahlzeit“, Taboris jüngstem Stück, das nach seiner Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen jetzt im Berliner Ensemble zu sehen ist. Das muss man sich so vorstellen: Weil der kranke Tabori seine Wohnung nicht verlassen konnte, kam das Ensemble zu ihm nach Hause, nahm dort seine inszenatorischen Visionen entgegen, balancierte das filigrane Gebilde sodann zur Probebühne, setzte es – unter Hermann Beils Dirigat – vorsichtig ab und steckte ihm 93 unsichtbare Geburtstagskerzen auf. In wenigen Tagen wird Tabori nämlich 93.

Auch zur Berliner Premiere konnte Tabori nicht kommen, dafür wird die Vorstellung via Kamera live in seine Wohnung übertragen. Als Hermann Beil in der Rolle des Dramaturgen, eine große Kochmütze auf dem Kopf, mit dem Oberkellner Nana (Peter Luppa) vor den Vorhang tritt, beginnt weniger eine Inszenierung als vielmehr eine rührende vorgezogene Geburtstagsfeier für den alten Herrn, der 1999 als Regisseur und Autor eine spätes Zuhause am BE gefunden hat. Danke, sagt jede Geste der Schauspieler. Danke, sagt freilich auch jedes geschriebene Wort Taboris, denn „Gesegnete Mahlzeit“ ist ein dreiteiliges Requiem: voller versöhnlicher Blasphemien, anekdotenreicher Verbeugungen vor den Frauen und grotesker Szenen aus dem Sklavenalltag eines Hollywoodschreibers: „Jede Nacht eine Sterbeprobe. Übung macht den Meister.“

Taboris Alter Ego, Dirty Don genannt (klamaukig: Veit Schubert), liegt also im Spitzweg-Bett, von hunderten Zetteln umgeben, und lässt im ersten Teil die kafkaesken Erinnerungen kommen, begleitet vom vorwurfsvollen Schweigen der Gouvernante/Liebhaberin Milena (Margarita Broich) und dem Rauch der ersten Tageszigarette: „Mein Leben ist eine lebenslange Mundsucht.“ Milena heißt im dritten Teil Amanda Lollypop und ist Prostituierte geworden. Doch der schmutzige Don ist von ihr nicht mehr zu trösten. Mit 20 000 Frauen im Bett! Nur eine einzige habe er zum Lachen gebracht! Was für eine erbärmliche Quote.

Den grotesken Höhepunkt bildet der Mittelteil, in dem sich Don und Professor Geil (Gerd Kunath), seines Zeichens Filmproduzent, die Einzelheiten eines Drehbuchknebelvertrages so lange um die Ohren hauen, bis ihre Wiener Schnitzel kalt geworden sind.

Ovationen hin zum listig schimmernden Kameraauge. Beim Rausgehen bücken sich einige Zuschauer verschämt nach den beschrifteten Blättern wie nach Reliquien.

Wieder heute und am 26. Mai

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