Kultur : Muschelmusik: Gerd Albrecht und das DSO im SFB-Sendesaal

Jörg Königsdorf

Eigentlich ein Skandal: Berlin sieht sich zwar gern als Deutschlands Orchesterhauptstadt, hat aber nicht eine einzige Musikmuschel. Deshalb müssen die Orchester auch gerade dann Sommerpause machen, wenn in anderen Metropolen wie Westerland oder Bad Oeynhausen die eigentliche Konzertsaison anbricht. Das wiederum hat zur Folge, dass das ganze Musikmuschelmusikrepertoire in Berlin nahezu unbekannt ist und so gediegene light classics wie Jaromir Weinbergers "Tschechische Tänze" durch die Raster der Programmgestaltung fallen. Der Große Sendesaal im Haus des Rundfunks mit seiner nostalgischen Funkstundenatmosphäre ist immerhin der zweitbeste Ort für das Konzert, das Gerd Albrecht mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Weinberger und dem ebenso fastvergessenen Zdenek Fibich widmen. Musik, die anderthalb Stunden unterhält, ohne zuviel Aufmerksamkeit zu beanspruchen.

Schon Weinbergers "Ouvertüre zu einem Ritterspiel" hat eher Potpourri-Charakter: Schmetternde Turnierfanfaren, Triangel-Gefunkel auf blankpolierten Rüstungen und ein hofnärrisch bocksbeinig hereintrudelndes Holzbläsermotiv, alles hübsche Einfälle, aus denen freilich keine Geschichte entsteht. Ähnlich undramatisch ziehen die "Tänze" vorbei, mit abgepolsterten Kanten und herabgedimmtem Energiefluss ein eher melancholisches Nachecho von Dvoráks "Slawischen". Brav gespielt immerhin vom DSO, wenn auch ohne den letzten Kick an Musizierüberschwang, der über die Längen der Stücke hinwegtragen würde.

Hoffnungen, mit der dritten Sinfonie des Dvorák-Zeitgenossen Zdenek Fibich ein vergessenes Meisterwerk entdeckt zu haben, erfüllen sich ebenso wenig. Eher eine mit etwas Folklorefarben aufgefrischte Version des Standard-Baumodells "Romantische Sinfonie", das es auch sonst in aberhundert Ausführungen gibt. Für Funkstunden oder Musikmuscheln. Auf dem Schlossplatz wäre übrigens noch Platz für eine.

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