Muse in Berlin : Keine Macht der Drohne

Muse in Berlin: perfektes Entertainment in der Benz-Arena - mit Momenten zum Fremdschämen.

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Ja, was schwebt denn da? Unbekannte Flugobjekte in der Benz-Arena.
Ja, was schwebt denn da? Unbekannte Flugobjekte in der Benz-Arena.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Die größte Peinlichkeit haben Muse an den Anfang gesetzt: Der Saal ist dunkel, ein Kirchenchor erklingt: „My mother… killed by drones…“, intoniert Muse-Frontmann Matthew Bellamy mehrstimmig aufgesplittet. Und da kommen sie auch schon angeschwebt, die Drohnen: zehn weiß leuchtende, mannshohe Kugeln, die zu Bellamys sakralem Gesang ein pompöses Luftballett vollführen.

Was für ein prätentiöser Quatsch – aber großartig inszeniert, das muss man dem britischen Rocktrio lassen: Wer Spektakel will, muss Muse wählen. Nur dass die technisch überwältigende Show, die die Band am Freitag in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena auf die rotierende Bühne brachte, so gar nicht zum ernsten Thema passen wollte, um das sich das aktuelle Konzeptalbum „Drones“ dreht. Eine dystopische Rockoper, in der ein junger Soldat vom Militärapparat entmenschlicht und quasi selbst zur Killer-Drohne gemacht wird.

So wird das Publikum bei „Psycho“ von einem animierten Drill Sergeant zusammengestaucht, der von der Video-Leinwand herunterbrüllt – Sinnbild für den Rest des „Drones“-Materials, das gespielt wird. Muse servieren ihre Anti-Drohnen-Botschaft nicht auf dem silbernen Tablett, sondern drücken einem eine Torte ins Gesicht. Mit Muse möchte man in Lichtgeschwindigkeit über fremde Planeten galoppieren, aber nicht unbedingt über Waffenpolitik belehrt werden.

Den Großteil der rund 17 000 Zuschauer stört das nicht, die Menge geht von Anfang an begeistert mit. Das ist auch nicht schwer, denn der Live-Bombast und Bellamys spektakuläre Stimme lassen selbst die schwächeren Songs des neuen Albums kraftvoll hymnisch erstrahlen. Und es gibt ja auch noch die Klassiker: „Plug In Baby“, „Time Is Running Out“ oder „Map Of The Problematique“ werden frenetisch gefeiert. Bellamy ist in Spiellaune, Bassist Christopher Wolstenholme schwingt seine LED-gespickte Gitarre wie ein Lichtschwert. Den Höhepunkt erreicht die Stimmung bei „Starlight“, der wohl schönsten Ballade der Band, bei der das Publikum überdies mit konfettigefüllten Riesenluftballons beglückt wird.

Und immer wieder die Kugel-Drohnen, die bald nicht mehr bedrohlich wirken, sondern als bunt leuchtende Disco-Kugeln zu Verbündeten der Show werden. Man fühlt sich wie zu seligen Glam- und Prog-Rock-Zeiten in den 70er Jahren, als man noch ungeniert Ufos auf der Bühne landen ließ. Auch der Rest der Lightshow ist gigantisch, der visuell stärkste Moment ist aber „The Handler“: Bellamy und Wolstenholme hängen an den Fäden zweier in den Raum projizierter Riesenhände, die die Musiker wie Marionetten spielen lässt, während darüber zwei grüne Roboteraugen leuchten. Selbstironie bei Muse? Nicht schlecht!

Als Ganzes ist das überwältigend, doch leider gibt es immer wieder Fremdschäm-Momente: etwa, als ein aufgeblasener Kampfjet von der Größe eines S-Klasse-Wagens durch den Saal fliegt und Bellamy anschließend an einem aus der Tiefe der Bühne emporgefahrenen Konzertflügel klimpert. Aber wenn zum Schluss ganze Batterien von Konfetti-Kanonen abgefeuert werden, verschmerzt man locker die 50 bis 70 Euro Eintritt, denn bei Muse sieht man wenigstens, wofür man bezahlt hat: für die größenwahnsinnigste Liveshow, die man derzeit bekommen kann. Erik Wenk

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