Kultur : Muse und Minna

Max Beckmann und seine erste Frau: eine Ausstellung in der Alten Nationalgalerie

Nicola Kuhn

Sein „Märchenprinzesschen“ nannte er sie schwärmerisch. Doch auf seinen Gemälden sah Minna Beckmann-Tube ganz und gar nicht danach aus. Porträtiert hat Max Beckmann seine Gefährtin als schöne, stattliche Frau, die mit ernstem Blick aus großen Augen ihr Gegenüber erfasst: eine eindrucksvolle Erscheinung. Am Widerspruch von Wunsch, Vorstellung und Realität hat sich der Künstler immer wieder gestoßen. Mit jedem neuen Bild stellte er sich die Frage: „Was bist du? Was bin ich?“ Die Ausstellung „Max Beckmann seiner Liebsten“ in der Alten Nationalgalerie Berlin versucht der Beziehung zwischen dem großen Maler und seiner ersten Frau auf den Grund zu gehen. Denn letztlich zerbrach die Ehe an der Eigenständigkeit der musischen Pfarrerstochter, die für ihren Mann zwar das Malen aufgab, erfolgreich eine zweite Karriere als Opernsängerin begann, am Ende aber den Platz für eine 20 Jahre Jüngere räumen musste.

Derzeit spüren gleich drei Ausstellungen den Frauen berühmter Maler nach. Ein Zufall? In Stuttgart steht die mondäne Martha Dix im Mittelpunkt, in Bremen die elegische Camille Monet und in Berlin nun die robuste Minna Beckmann-Tube, die künstlerisch ihrer eigenen Wege ging, aber schließlich verlassen wurde – trotz des gemeinsamen Kindes. Der Kunstbetrieb, besonders die Kuratorinnen haben ein uraltes Thema wiederentdeckt: des Künstlers Weib.

Der biografische Blick aufs Werk verspricht einerseits wissenschaftlich-seriös neue Erkenntnisse, andererseits sind Liebesgeschichten, auch ohne Happy-End, beim Publikum beliebt. Überraschend allerdings sind die aktuellen Erklärungsversuche für das wiederkehrende Motiv der verlassenen Künstlerfrau, die sich „ohne Harm“ trollt, sobald die Nachfolgerin naht, aber dem Meister in Bewunderung für sein Werk gewogen bleibt. (Die aus Anlass der Ausstellung edierte Korrespondenz der beiden zeugt von der gewahrten Nähe, selbst als Beckmann mit seiner neuen Frau nach Holland und in die USA emigrierte.) Noch vor zehn Jahren hätten Feministinnen protestiert. Heute, in Zeiten des Neo-Con, wird auf der Vernissage von „Seelengröße“ gehaucht und in den Wandtexten herumphilosophiert: „Mit bürgerlichen Begriffen ist der Liebe zwischen Max und Minna nicht beizukommen.“

Charlotte Berend-Corinth, Minna Beckmann-Tube und Karin Larsson waren Pionierinnen; sie gehörten zu den ersten Studentinnen an den Kunstakademien. Der Enthusiasmus des Aufbruchs ließ sich häufig nicht in den Alltag hinüberretten, zumal an der Seite eines auf Erfolg eifersüchtigen Partners. Karin Larsson verlegte ihre kreative Energie deshalb aufs Heim und die Stickerei (die gegenwärtige Carl-Larsson-Ausstellung in München würdigt auch ihren Beitrag in Larssons heimeligem Werk); Minna Beckmann-Tube brach ihrem Mann zuliebe mit der Malerei. Die nun ausgestellte Gemälde belegen jedoch ihr Können, das in seinen Anfängen dem Werk des Gefährten durchaus ebenbürtig war.

Stattdessen ließ sie ihre Stimme ausbilden. Beckmann unterstützte sie sogar, er hielt sie für das dramatische Fach geeigneter. Mag sein, dass sich darin eine weitere Projektion des „Märchenprinzen“ verbarg, denn kennen gelernt hatte sich das Paar bei einem Faschingsball an der Weimarer Kunstakademie. Die bald schon erfolgreiche Opernsängerin sollte – zumindest vorübergehend – die Hauptrolle spielen auf seiner Bühne des Lebens, die er auch in seinen Gemälden erschuf. Hier kommt der Titel der Ausstellung ins Spiel, die an ihrem ersten Präsentationsort in Halle das Kritiker-Prädikat „Ausstellung des Jahres“ erhielt. Der Künstler widmete Minna seine Werke stets mit den gleichen, Nähe und Distanz signalisierenden Worten „Max Beckmann seiner Liebsten“, gegen Ende ihrer Beziehung sogar mit „Herr Beckmann seiner Liebsten“.

Diese Ambivalenz haben Beckmann- Kenner früh erkannt: in einem Gemälde von 1909, das im Zentrum der Ausstellung steht. „Doppelselbstporträt“ hat Beckmann es in einem luziden Missverständnis genannt. Er porträtiert sich eben nicht doppelt, sondern mit seiner Frau. Tatsächlich sehen die beiden einander in diesem Bild ähnlich, fast geschwistergleich. Zehn Jahre nach ihrer Scheidung, Minna brach damals ihre Laufbahn als Sängerin ab, malt Beckmann sich 1935 noch einmal mit ihr, im Kreis mit vier anderen Frauen, die für ihn wichtig waren. Minna hockt abseits, einen Spiegel in der Hand. Nicht sich selbst, sondern den Maler erblickt sie darin. So sollte es bleiben bis zu seinem überraschenden Tod 1950. Mit ihrem gemeinsamen Sohn Peter blieb sie die Nachlassverwalterin.

Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, bis 4. 3., Katalog (Hatje Cantz) 24,80 €.

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