Kultur : MUSÉE DU QUAI BRANLY, PARIS

Schauhaus der Multikulturalität.

Nicola Kuhn

Als das Quai Branly – wie das fusionierte Musée national des arts d’Afrique et d’Océanie und Musée de l’Homme kurz und knapp nach seiner neuen Adresse genannt wird – vor fünf Jahren mit einem fulminanten Neubau am linken Seine-Ufer eröffnet wurde, war es damals die museolgische Großtat schlechthin. Mit diesem grand projet gedachte Jacques Chirac in die Geschichtsbücher einzugehen. Es wird gelingen, denn das Museum der Künste und Zivilisationen, wie es seitdem offiziell heißt, ist der neue Louvre. Hier werden Artefakte überseeischer Kulturen nicht länger als Studienobjekte in künstlichen Panoramalandschaften präsentiert, sondern als Meisterwerke zelebriert, die es mit einer Mona Lisa aufnehmen können.

Der Besucher fühlt sich auf eine dramaturgische Reise zu den verschiedenen Erdteilen mitgenommen. Nachdem er den Kunstdschungel durchlaufen hat, in dem der gläserne, 40 000 Quadratmeter große Bau Jean Nouvels auf Stelzen steht, führt ihn im Innern eine weiße Rampe und schließlich ein mit Leder ausgeschlagener Kanal in die verschiedenen Geschosse, die in schummriges Halbdunkel getaucht sind. Der eigentliche Auftritt aber gehört den Skulpturen, Masken, Fetischen, die strahlend hell in frei stehenden Vitrinen präsentiert sind oder in kleinen, ausscherenden Kammern ihre eigenen Welten eröffnen.

Im Quai Branly wird nicht nur höchst effektvoll eine Auswahl der überwältigenden Schätze aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika vorgeführt, insgesamt 300 000 Objekte, hier legt sich Frankreich zugleich Rechenschaft über seine eigene Vergangenheit als Kolonialherr ab. Was Picasso, Matisse, Giacometti einst für ihre Kunst amalgamierten, wird nun als eigene Kulturleistung gewürdigt, zumal viele Nachfahren aus den ehemaligen französischen Kolonien heute im Lande leben und hier einen Ort der Erinnerung suchen. Ähnlich wie im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum der Besucher im Entree auf einer Videowand von Menschen aller Hautfarben in deren Landessprache begrüßt, am Ende aber mit einem Tschüs verabschiedet wird, weil sie alle in Köln leben, versteht sich auch das Quai Branly als Schauhaus der Multikulturalität. Nicola Kuhn

www.quaibranly.fr

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