Kultur : Museen brauchen Futter

40 Jahre Geduld: Ingvild Goetz hat in München ein kleines Kunstimperium errichtet.

Birgit Sonna

Immer mehr Sammler errichten private Museen und stellen Kunst nach ihren Kriterien aus. Wie stark sie damit Einfluss auf Künstlerkarrieren, Institutionen und den Kunstmarkt nehmen – diesen Fragen gehen wir in unserer Sommerserie nach.

Mächtig, um nicht zu sagen unangreifbar übermächtig ist das Imperium der Ingvild Goetz in den letzten 20 Jahren gewachsen. Und was die Souveränität der Münchner Sammlerin betrifft, ist ihr privates Kunstreich vielleicht tatsächlich mit dem eines kleinen, aber generösen Fürstenstaats innerhalb der Museumslandschaft vergleichbar. Kein Wunder, dass man ihr bei der Preview der ersten kuratierten Präsentation ihrer Videosammlung im Haus der Kunst letztes Jahr derart Respekt zollte, als habe sich die Queen persönlich für Stunden unter das ohnehin nicht so gewöhnliche Kunstvolk gemischt.

Sonst organisiert Ingvild Goetz in ihrem 1993 von Herzog und de Meuron gebauten Privatmuseum eher retrospektiv ausgerichtete Soloausstellungen zu einzelnen Künstlern, wie aktuell von Pawel Althamer und Ulrike Ottinger. Sie kann dabei aus dem Vollen schöpfen, rund 4500 Arbeiten umfasst ihre Sammlung – die Medienkunst mit rund 500 Arbeiten macht dabei den stärksten Strang aus. „Dadurch, dass das Sammeln für mich immer intensiver wurde und sich fast schon verselbstständigt hat, lag es für mich auf der Hand, Ausstellungen zu kuratieren und die Öffentlichkeit auch daran teilhaben zu lassen“, erklärt sie. Und weiter: „Wenn man ein Privatmuseum besitzt, dann möchte man es entsprechend füttern. Man geht bestimmt ganz anders vor, wenn man Kunst nur in eigenen Wohnräumen hängt – dann kauft man vielleicht eher, was einem spontan gefällt, ohne die Werke in einem bestimmten Kontext zu sehen.“

Scharfsinnige Beobachter finden, dass die Sammlung im Vergleich zu der an Gegenwartskunst eher tragisch unterversorgten Pinakothek der Moderne die eigentliche museale Hochburg für zeitgenössische Kunst in München vorstellt. Dabei hat sich die in Westpreußen geborene Ex-Galeristin bis jetzt erfolgreich gegen alle Offerten gewehrt, Dauerleihgaben an öffentliche Institutionen abzugeben. Umworben werde sie laut Selbstauskunft heftig, nicht zuletzt von großen Häusern in London und New York. Was natürlich zu immer neuen Spekulationen führt, ob ihre konzise zusammengetragene Sammlung dereinst einmal Gefahr laufe, zerschlagen zu werden. Letztlich ist Ingvild Goetz bei allem Getöse um ihre Person ungemein jovial geblieben und erfrischend direkt in ihren Aussagen. Freunde und vertrautere Menschen nennen sie Jeanny, was nicht von ungefähr an den zauberischen Flaschengeist in der US-Fernsehserie aus den 60er Jahren erinnert. Und ihre subjektiven Kunstvorlieben weiß sie auch unverhohlen zu benennen: „Mich interessiert gerade im Bereich Video weniger das Dokumentarische als das Erzählerische. Also Arbeiten wie der unlängst auf der Unlimited der Art Basel vorgestellte Film „Belle comme le jour“ von Dominique Gonzalez-Foerster, wo man nach einer Weile denkt: Um was geht es eigentlich wirklich in dem Film? Wie hängen die einzelnen Sequenzen zusammen? Wie kann das Ende des Films interpretiert werden? Mich fasziniert diese visuelle und intellektuelle Herausforderung! Ich begeistere mich für Kunst, in die man sich länger hineindenken muss und in der man sich auch verlieren kann. An einem Tag kann man diese Facette, an einem anderen Tag wieder eine ganz andere entdecken.“ Prompt hat sie das traumverlorene Werk der Französin auf der Art Basel für ihre Videosammlung erworben.

Ingvild Goetz hält auch nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg, welche Art an Oberflächenkunst sie gründlich ablehnt. Und sie kann sich glänzend über Jeff Koons, Murakami & Co mokieren: „Was mir überhaupt nicht liegt in der Kunst, ist dieser gerade von Jeff Koons vertretene Ansatz ’What you see is what you get!’. Ich muss immer lächeln, wie die Rezensenten bei ihren Koons-Kritiken herumeiern. Koons ist für mich der Till Eulenspiegel der Kunst – sein Konzept ist es, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, auch mal den ein oder anderen zum Narren zu halten. Seine unmittelbare Kunst richtet sich an Sammler, die es kitschig mögen, ein bisschen Sex, etwas einfacher und bitte nichts so Kompliziertes wie Konzeptkunst.“ Dieses vernichtende Urteil wird dem Populismus bestimmter Künstler keinen Abbruch tun, die Fachwelt aber schätzt Ingvild Goetz' unbestechliches Auge und ihr Einschätzungsvermögen.

Die Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland konnte in den letzten Jahren vermehrt Teile ihres unübersehbaren Kunstschatzes auf Zeit in Institutionen ans Licht befördern, so im Karlsruher ZKM und in der Münchner Villa Stuck. Nach Verzögerungen wird in diesem Herbst der Auftakt einer längerfristigen Präsentation ihrer Mediensammlung unter dem Motto „Arbeit“ im Videokunstzentrum in der Zeche Nordstern Gelsenkirchen erfolgen. Mit dem Haus der Kunst kooperiert sie seit 2011 erfolgreich. Bis zu 9000 Besucher haben jeweils eine Ausgabe der nach Themen wie „Klang und Stille“ kuratierten Videoausstellungen gesehen, mit denen sie zum dritten Mal in Folge die bedrängenden Kammern des Keller des vormaligen Nazikunsttempels bespielt. Obwohl die Schauen im Souterrain nur drei Tage pro Woche geöffnet haben. Ab September wird das Kunstmuseum Basel Einblick in ihre qualitativ bedeutende Kollektion der Arte Povera geben, für die Goetz in ihren frühen Galeristenjahren Anfang der Siebziger in München den Grundstock gelegt hat. Überhaupt kein Verständnis hat sie dafür, wenn Privatsammler ihre Kunst in einem nie mehr zugänglichen Privatverlies horten. Gerade jüngere Werke sollten schon den Künstlern zuliebe sichtbar bleiben: „Ich kenne Sammler, die ihre Kunstwerke grundsätzlich nicht verleihen. Vielleicht, weil sie Angst haben, dass die Arbeiten beschädigt werden könnten, vielleicht aber auch aus purem Desinteresse. Ein weiterer Grund könnte sein, dass sie ihren Besitzanspruch zelebrieren wollen: ’Das ist jetzt meins und bleibt bei mir’. Ich höre oft von Galerien, dass Sammler trotz ihres Versprechens, gerne verleihen zu wollen, sich dann nach dem Kauf einer Arbeit komplett dagegen sperren.“

Sie selbst hat sich schon einmal selbstironisch in einem Interview mit einem Ayatollah verglichen. Dieser Vergleich mit einem islamischen Machthaber ist natürlich völlig übertrieben, auch wenn Ingvild Goetz hinter den Kulissen streng die Fäden zusammenhält und selbst die Kontrolle über zeitweilig in museale Satellitenstationen entsendete Kunst genau bewahrt. Die Leihverträge der Sammlung Goetz sind wegen ihrer bis ins Detail gehenden Auflagen gefürchtet. Stimmen jedoch die Konditionen und die inhaltlichen Vorgaben, ist Goetz durchaus spendabel. Ihr Herz schlägt nachhaltig für die Gegenwartskunst, sie entdeckt immer wieder junge Künstler vom Beginn ihres Erfolgwegs an. Im Moment allerdings glaubt sie eine gewisse Stagnation in der zeitgenössischen Kunst zu spüren: „Ein älterer Sammler hat in den Siebzigern einmal zu mir gesagt: 'Wenn die Kunst nicht mehr zu mir spricht, dann kann ich mich von ihr trennen.' Das hat mir imponiert!“ Aber keine Angst, so weit ist sie noch lange nicht.

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