Museen : Brücke über die Zeit

Die kleinen Großen (4): Zu Besuch im Schlesischen Museum in Görlitz und im Dom Kultury in Zgorzelec.

Simone Reber
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Reichstag in klein. Das Dom Kultury in Görlitz' Nachbarstadt Zgorzelec war einst als Ruhmeshalle konzipiert. Heute residiert dort...Foto: Mauritius

Rund um Berlin gibt es Museen mit exquisiten Sammlungen, die kaum jemand kennt. Anlass für einige Kunstreisen in die Umgebung – zu den „kleinen Großen“. Bislang erschienen: das klassische Dessau, das Lindenau-Museum in Altenburg und die Staatlichen Kunstsammlungen Schwerin. Mit einem Ausflug nach Görlitz und Zgorzelec beenden wir heute unsere Sommerserie.





Überall diese Gaffer. Mit neugierigen Augen starren steinerne Köpfe die Touristen an. Prosten von oben den Vorübergehenden zu oder lauschen mit übergroßen Ohren den Gesprächen. Ein Besuch in Görlitz beginnt mit Fassadengucken und die Häuser der schmuck sanierten Altstadt schauen zurück.

Im Mittelalter war die Stadt an der Via Regia ein wichtiger Umschlagplatz für Tuch und Waid, einer Pflanze, mit der man Stoffe blau färbte. Nach den Gesichtern an den Fassaden zu urteilen wurden hier auch Nachrichten und Gerüchte gehandelt. In den engen Gassen entging nichts den Augen und Ohren der Nachbarn und Nachtwächter. Die Verschwörung der Tuchmacher flog auf, die „verräterische Rotte“ musste 1527 mit Tod, Folter und Ächtung dafür büßen, dass sie den Stadtrat stürzen wollte. Noch heute kennzeichnet ein ausgewaschener Stein die Hintertür des Anführers. Seine Tat sollte nie vergessen werden.

Publik wurde auch die Affäre des Bürgermeistersohns Georg Emerich mit der 17-jährigen Tochter eines Ratsherrn. Emerich musste 1465 zur Buße nach Jerusalem pilgern. Später finanzierte er den Nachbau des Heiligen Grabes in Görlitz, wie es die Pilger gesehen hatten. Ein Riss spaltet den Stein der Kapelle, denn beim Tod Christi soll die Erde gebebt haben. Erst so gewann Emerich sein Ansehen zurück.

Versöhnen, Erinnern, Wiedergutmachen – an jeder Straßenecke in Görlitz werden diese Fragen verhandelt. Die Umgebung ist ein Glücksfall für das Schlesische Museum, das 2006 in einem der prächtigsten Häuser der Stadt eröffnete. Der Schönhof, das älteste Bürgerhaus der Renaissance in Deutschland, wurde von Wendel Roskopf entworfen. Der Görlitzer Baumeister war nach dem Brand 1525 mit dem Wiederaufbau der Stadt betraut.

In den Gewölben und Sälen herrscht die Großzügigkeit der Renaissance. Bei der Restaurierung konnten die Farbfassungen der Türen, die Bemalungen der Deckenbalken, der Kellenputz an den Wänden freigelegt werden. Die ruhige Souveränität der humanistisch geerdeten Architektur verhindert grelle Töne, wie sie das in Berlin geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ begleiten.

Hier verschiebt sich die Perspektive. Vor dem Hintergrund der Blütezeit in Renaissance und Barock kann man die existenziellen Umbrüche erkennen. Friedrich II. verwandelte nach seiner Eroberung das habsburgisch-katholische Schlesien in ein preußisch-protestantisches Musterland. Verblüffend organisch passen die Salon-Möbel aus Schloss Erdmannsdorf, der schlesischen Sommerresidenz der Hohenzollern, in den Schönhof. Filigrane Goldschmiedearbeiten erzählen vom Reichtum des Landes an Handwerkern und Bodenschätzen, aber mit der Industrialisierung wuchs auch die Armut.

Das Museum, das von Bund, Land, Stadt und Landsmannschaft Schlesien getragen wird, konnte erst ab 1999 eine eigene Sammlung aufbauen. Die Darstellung der Königlichen Kunst- und Kunstgewerbeschule in Breslau wirkt lückenhaft. Hans Poelzig war ihr erster Direktor, später gehörte der Brücke-Künstler Otto Mueller zu den Lehrern. Ein sehr schönes Porträt von Käthe Ephraim-Marcus zeigt Muellers Freund und Mäzen Ismar Littmann. Der jüdische Rechtsanwalt nahm sich nach dem Berufsverbot 1934 das Leben, der Verbleib seiner umfangreichen Kunstsammlung ist bis heute weitgehend unbekannt.

In der sachlichen Ausstellungsarchitektur von HG Merz geht das Museum zurückhaltend mit der Geschichte nach 1945 um, mit Flucht und Vertreibung. In unmittelbarer Nähe zur polnischen Grenze betont das Haus die Brückenfunktion Schlesiens innerhalb Europas.

Die Fahrt über die Neißebrücke ins polnische Zgorzelec weckt selbst bei abgebrühten Berlinern ein leises Gefühl von Zukunft. Ein Zollbeamter winkt freundlich aus dem Fenster – das war’s. Während auf deutscher Seite best-agers in windfarbenen Outdoor-Westen gemächlich durch die Altstadt flanieren, haben es die Passanten in Zgorzelec eilig. Während das Schlesische Museum seine Bestände chic multimedial präsentiert, verwendet das Kulturhaus in Zgorzelec Nylonfaden und Schwarz-Weiß-Fotos.

Hier, in der früheren Ruhmeshalle, dröhnen noch immer wilhelminischer Pomp und sozialistisches Pathos. Ein goldfarbenes Mosaik von der aufgehenden Sonne empfängt die Besucher, auf dem Sockel standen ursprünglich Statuen von Wilhelm I. und Friedrich III., Vater und Sohn. Nach dem Krieg löste eine Frauenfigur mit Kind die beiden Männer ab – sozialistisches oder katholisches Mutterglück. Jetzt hat ein findiger Kopf einen riesigen Spiegel vor die Sonne gestellt – die Helden der Demokratie sind die Besucher.

Im Halbdunkel des verwaisten Obergeschosses schildert eine Ausstellung die Geschichte der Halle. Sie beherbergte das Kaiser-Friedrich-Museum. Den größten Teil der Sammlung spendete der Görlitzer Unternehmer Martin Ephraim. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Bestände ausgelagert. Heute gehören sie zum Kulturhistorischen Museum von Görlitz. Die Kunst hat man gerettet, der Gönner Martin Ephraim wurde 84-jährig aus dem jüdischen Altersheim nach Theresienstadt deportiert.

Nach der Wucht der Geschichtslektion wirkt der Feierabendverkehr draußen erholsam alltäglich. In silberfarbenen Mittelklassewagen kehren Polen von der Arbeit aus Deutschland zurück. Über der Neiße stockt ihr Tempo. Noch ist die Brücke schmal.

Schlesisches Museum zu Görlitz, Schönhof, Brüderstraße 8, Di-So 10-17 Uhr

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