Kultur : Museen mit Aussicht

Kulturstaatsminister Nida-Rümelin erläutert in Dresden das Hilfsprogramm für hochwassergeschädigte Kultureinrichtungen

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Von Michael Zajonz

Eine Mischung aus Erschütterung und Faszination habe ihn beim Anblick des Dresdner Stadtzentrums gepackt, und einen Augenblick zucken wir zusammen, ob vielleicht doch die ästhetische Seite der Katastrophe gemeint sein könnte. Jene verwirrende Schönheit des Ephemeren, die sich durch Bilder bereits eingeprägt hat: die beiden Enten, die über den stillen See im Zwingerhof gleiten, oder jene provisorisch zwischen antike Marmorskulpturen platzierten Gipsabgüsse im lichten Gewölbesaal des Albertinums.

Doch Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin beeilt sich, den einen erklärenden Halbsatz hinzuzufügen: „Faszination über diese Form des Zupackens, auch weit über die Stadtgrenzen hinaus." Nida-Rümelin ist nicht nur zum Mut machen, sondern auch wegen der Finanzhilfe des Bundes in das soeben wiedereröffnete Dresdner Schloss gekommen. 100 Millionen Euro wird die Bundesregierung aus dem Fonds des Flutopfersolidaritätsgesetzes für die geschädigten Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen bereitstellen. Einschließlich der bereits abrufbaren drei Millionen aus dem Haushalt Nida-Rümelins und weiterer zwei Millionen, die die Bundeskulturstiftung auswirft, stehen bis zum Jahresende davon 15 Millionen Euro bereit. Sie sind weder an Komplementärmittel der ohnehin überforderten Bundesländer noch an symbolischen Zugaben von Stadtkämmerern gebunden. Denn, so der Minister, „es wäre ganz schlecht, wenn sich die Kultureinrichtungen hinten anstellen müssten.“

Der Freistaat Sachsen hat sich notgedrungen schon einmal in der ersten Reihe postiert und beim Bundeskulturminister für 30 besonders betroffene Institutionen eine Soforthilfe von drei Millionen Euro beantragt. Insgesamt wurden im Freistaat über 100 Millionen Euro an bislang bezifferbaren Schäden im Kulturbereich ermittelt (Tagesspiegel vom 26. August), 90 Prozent davon allein in Dresden. Gleichwohl, so Nida-Rümelin, sollten keinesfalls vorzeitig Quoten zwischen den betroffenen Bundesländern festgelegt werden. Man wolle vielmehr den in den letzten Tagen geknüpften kurzen Draht zu den Fachministern der Länder nutzen, um sich einen genauen Überblick über Art und Dringlichkeit der Schäden zu erarbeiten. Private Spenden und die Hilfsbereitschaft von Institutionen, so Nida-Rümelin und der sächsische Kultusminister Matthias Rößler unisono, seien weiter unabdingbar.

Die Stunde der Not ist gleichermaßen eine Chance für informelle Kontakte wie für die Verbände. Der Deutsche Museumsbund etwa koordiniert unter dem Motto „Museen helfen Museen“ die Kooperation zwischen betroffenen und hilfswilligen Instituten. Die Dresdner Kunstsammlungen erhielten kurzfristig Klimatechnik für die Sempergalerie sowie logistische Unterstützung durch die Berliner Museen.

Kleinere Häuser aus anderen Regionen Sachsens helfen in Grimma, Pirna und Meißen. Das Ziel ist ehrgeizig: Bis zum Jahresende sollen alle bedeutenden Kultureinrichtungen - gleich wie - ihren Betrieb aufnehmen. Für das Dresdner Staatsschauspiel und die Semperoper wird bereits nach Interimsspielstätten gefahndet.

So bedingen Akte symbolischen Durchhaltens und triste Entdeckungen dieser Tage einen beständigen Wechsel der Gefühle. Während der Kulturminister im Georgenbau des Schlosses eine Ausstellung mit arkadischen Elblandschaften des Dresdner Rokoko-Malers Johann Alexander Thiele wiedereröffnet, hat man im Souterrain der Sempergalerie die erbärmlichen Reste barocker Bilderrahmen, die vor zwei Wochen nicht mehr aus ihrem Depot gerettet werden konnten, ausgebreitet. Und draußen, im frisch planierten Zwingerhof, spazieren die ersten japanischen Touristen unter Sonnenschirmen.

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