Museen : Mit Weitblick - Zum Tod von Stephan Waetzoldt

Im Alter von 88 Jahren starb Stephan Waetzoldt, der Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlin. Ein Nachruf.

Bernhard Schulz

Preuße war er durch und durch, in der angenehmsten Weise, die man sich bei einem Staatsbeamten nur vorstellen kann: knapp und sachlich, wenn’s sein musste auch schnoddrig, vor allem kollegial und tolerant, die Sache immer höher stellend als Rang und Namen. Ein Herr. So hat Stephan Waetzold die Staatlichen Museen zu Berlin geleitet, 18 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung Ende Januar 1983. Und so haben ihn die Kollegen Museumsdirektoren geschätzt – denn er war einer der Ihren, seit 1961 Direktor der Kunstbibliothek und interimistisch auch der Nationalgalerie. Das Interimistische hing ihm anfangs an, denn auch ins Amt des Generaldirektors gelangte er nicht als erste, jedoch, wie sich alsbald herausstellte, als beste Wahl.

1920 in Halle geboren, als Sohn des späteren Berliner Museums-„Generals“ Wilhelm Waetzoldt, konnte er erst nach Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft studieren. Mit der Berufung nach Berlin trat er schlagartig ins Rampenlicht. Gewaltige Aufgaben warteten auf ihn, ohne dass die Richtung der Museumsentwicklung vorgezeichnet war. Den Neubau der Nationalgalerie durch Mies van der Rohe hat er ebenso begleitet und gelenkt wie den Komplex der außereuropäischen Museen in Dahlem, der heute bereits zur Disposition steht. Dahlem machte seinerzeit Sensation hinsichtlich der Darbietung der Objekte und der Information der Besucher, die manche Museumsleute damals noch als unter ihrer Würde erachteten. Waetzoldt nahm die uralte Kollegialverfassung der Berliner Museen ernst, er lebte sie; hochfahrenden Streit wie unter seinem Nachfolger hätte er bereits im Entstehen entschärft. Dass die Museumsbauten am Kulturforum, von ihm in allzu guter Kenntnis der Wechselhaftigkeit politischer Entscheidungen seit 1978 eisern durchgefochten, sich als architektonisches Debakel entpuppten, das 1985 nur brachial gestoppt werden konnte, hat ihn geschmerzt. Dass allerdings fünf Jahre darauf die Museen in Ost und West sich wiedervereinigen konnten, durfte er als Bestätigung seines viel belächelten Satzes verbuchen: „Wir planen immer und alles im Hinblick auf eine Wiedervereinigung.“

Nebenbei – wie sich das so sagt! – organisierte Waetzoldt epochale Ausstellungen, vor allem die 15. Europaratsausstellung „Tendenzen der Zwanziger Jahre“, die 1977 gleich in drei Häusern abgehalten wurde und die Neubewertung der Zwischenkriegszeit als Kulturepoche machtvoll beförderte. Die „Bilder vom Menschen“ waren 1980 seine persönliche Bilanz von 150 Jahren preußischer Museen, und mit den „Pferden von San Marco“ zeigte er sich 1982 als Kulturdiplomat zu einer Zeit, als das weltweite Agieren der in den West-Berliner Sonderstatus eingepferchten Museen längst nicht selbstverständlich war. Zahllose Ehrenämter hatte Waetzoldt inne, die er, ungeachtet ihrer großen Bedeutung, ohne Aufhebens erledigte, auch darin ganz Preuße: Pflicht als innere Verpflichtung. In der Nacht zu Sonntag ist Stephan Waetzoldt 88-jährig in Berlin verstorben.

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