Museum der Dinge : Leichter Leben mit dem Designer Herbert Hirche

Das Berliner Museum der Dinge ehrt den Designer Herbert Hirche in der Ausstellung "Strahlend grau". Dessen Dinge durften zwar vielfältig, aber stolz auf ihre Schlichtheit sein.

Annabelle Seubert

Sie sind schön, aber niemals lieblich. Dezent, aber niemals kühl. Einladend, aber niemals aufdringlich. Diese Möbel geben Struktur und weisen in eine Bundesrepublik, die keine Fehler mehr macht. Noch heute. Und damals? Hirches Nachkriegsdesign erinnerte an die Goldenen Zwanziger, überblendete die dunklen Dreißiger und Vierziger und gab Kraft für die aufhellenden, kommenden Jahre. Herbert Hirche machte alles richtig.

„Herbert wer?“ Der ältere Herr, der sich gerade eine Eintrittskarte kauft, schüttelt den Kopf. Ein erfolgreicher Gestalter soll dieser Hirche gewesen sein? Aus Görlitz? „Nie gehört.“ Das Personal im Museum der Dinge eilt zu Hilfe. Im Mai hätte der 2002 verstorbene Produktpionier seinen 100. Geburtstag gefeiert. Um ihn vor dem Vergessen zu bewahren, feiert ihn nun das Museum. „Strahlend grau“ heißt die Ausstellung. Zu sehen gibt es Beistelltische, Fotos, Skizzen – und erstaunlich wenig grau.

Das fängt schon beim „A“ an. Im Eingangsbereich formen große Buchstaben das Wörtchen „GRAU“. Das „A“ hat zwar seine Neonröhrenstrahlkraft aufgegeben, wirkt dadurch allerdings großstädtisch und lässig. Ohne dabei den eigentlichen Stars die Show zu stehlen. Auf einem weißen Sockel stehen sie, unnahbar und unantastbar: die Sessel. Mit ihren eckigen Polstern und dem kalten Stahlrohr sehen die „Lounge Chairs“ zwar nicht bequem aus, doch wie viel Wandlungspotenzial in ihnen steckt, beweist Richard Lampert. Der Designer hat Hirches Entwurf von 1953 neu aufgelegt und mit Kuhfell ausgestattet. Eric Degenhardt hat sich wiederum für die türkisblaue Swimmingpool-Variante entschieden und einen wasserfesten Bezug gewählt. Ob der ursprüngliche Schöpfer, ein Verfechter der Sachlichkeit, das gemocht hätte?

Wohl kaum. Vielfalt war Herbert Hirche zwar wichtig. Seine Stühle durften schmal oder breit, rot oder grün, aus Holz oder Metall sein. Sie durften mit Rohrgeflecht bespannt oder mit Kunststoff gepolstert sein, Armlehne aufweisen oder nicht, sich Schreibtischstuhl, Schulstuhl, Bibliotheksstuhl oder Kinderstuhl nennen. Aber sie mussten stolz sein auf ihre Schlichtheit! Barwagen und Blumentisch durften existieren, wenn sie aus schwarzem Stahlgerüst und einfachem Rohrglas bestanden. Sogar Radio- und Fernsehgeräte durften eingeschaltet werden, sofern ihre Lautstärkeregler die einzige Verzierung darstellten. Nur mit schlichter Eleganz, wusste Hirche, riechen Möbel nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder.

„Lasst uns maßhalten!“, hat Herbert Hirche oft gefordert, als er an der Kunsthochschule Weißensee und später der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart unterrichtete. In einer Epoche der Technologisierung diente ihm neutrales Design dazu, Ordnung und Freiraum zu schaffen. Er wollte Schnelligkeit mit Genauigkeit bremsen und Kurzlebigkeit mit Ausdauer stoppen. Solcherlei Grundsätze waren ihm früh gelehrt worden: Hirche studierte am Bauhaus in Dessau und Berlin, bis es 1933 geschlossen wurde, arbeitete dann für Ludwig Mies van der Rohe, Lilly Reich und Egon Eiermann, um sich nach dem Krieg unter Hans Scharoun für den Aufbau Berlins zu engagieren.

Nach dem Eintritt in den Werkbund wurde Hirche für eine Reihe von Werkbund-Betrieben tätig. Der Firma Braun verschrieb er sich mit der Anfertigung von TV- und Musikmöbeln am längsten und intensivsten. Und dafür verleiht ihm das Werkbundarchiv den Stempel „Ehrenmitglied“. Stolz weist die Ausstellung darauf hin, dass viele seiner Erfindungen seriell produziert wurden und solche, die es nicht wurden, heute zu grellen Möbelstücken umfunktioniert und als Retroklassiker gehandelt werden. Auf den Mailänder Triennalen, der Weltausstellung in Brüssel und der Kasseler Documenta galten seine Arbeiten als „Musterbeispiele einer vom Werkbund propagierten neuen (west-) deutschen Produktkultur“. Darüber hinaus wollen die Ausstellungsmacher der Bedeutung des Werkbund-Erbes auf die Spur kommen, diskutieren, „wer und was ins kollektive Gedächtnis aufgenommen wird“. Die Idee klingt gut. Doch, wo bitte findet diese Diskussion statt? In den drei Ausstellungsräumen jedenfalls nicht.

Von Werkbund-Wünschen und Kuratoren-Floskeln abgesehen, bilden Herbert Hirches akribische Studien ein reizvolles Pendant zu den überfüllten Schaukästen, die das gesamte Museum mit Trommeln und Tierfiguren bevölkern. DieVitrinen leisten das, was sie am besten können: strukturieren. Und kommen nicht so muffig und monoton rüber, wie man es gern von Herbert Hirches Arbeit annahm.

Zu seinem 52. Geburtstag überreichten ihm Mitarbeiter und ehemalige Studenten einen Koffer mit 45 Grau-Proben. Eine Liste Hirche-Wörter gab es dazu. „Nichts“, „bedeckt“, „Misere“ und „große Misere“ lauten einige. Den Koffer hat das Museum zum „Ding des Monats“ erhoben. Zu Recht. Das Geschenk war ja als Scherz gemeint, nicht als Andeutung. Es sollte leicht, nicht schwer sein. Hell und grau. Das hört übrigens auch beim „U“ im Eingangsbereich nicht auf. Das „U“ ist vom Kaufhaus „Quelle“ und damit blau. Es leuchtet.

Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Oranienstr. 25, bis 13. 9., Fr.–Mo. 12–19 Uhr. www.museumderdinge.de

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