Museum : Die Botschaft der Leuchtstoffröhren

Logos mit Charakter: Das Buchstabenmuseum zeigt ausrangierte Reklameschriften. Diese werden heute heiß gehandelt. Ein Rundgang durch die neu eingerichteten Räume

von
Zeitzeichen. Die einst an Häuserfassaden angebrachten Werbeschriften spiegeln die typografische Mode vergangener Jahrzehnte. Blick in die Ausstellung des Berliner Buchstabenmuseums am Alexanderplatz. Foto: Andre Störiko/Promo
Zeitzeichen. Die einst an Häuserfassaden angebrachten Werbeschriften spiegeln die typografische Mode vergangener Jahrzehnte. Blick...

Wer will schon ein ausrangiertes „B“? Eines, an dem die Farbe abblättert und das zu müde zum Leuchten geworden ist. Nicht einmal Schlemihl aus der „Sesamstraße“ könnte mit diesem ehemaligen Fassadenbewohner auf der Suche nach einem passenden Käufer umherstreifen: Mit seinem Supersize-Format passt das „B“ unter keinen Trenchcoat.

Asyl gewährt in solchen Fällen Barbara Dechant. „Pssst, willst du einen Buchstaben loswerden? Dann denk’ an mich!“ So ungefähr lautet ihr Credo. Im Team mit Anja Schulze verfolgt sie es als Vorsitzende einer ziemlich bunten Gesellschaft: In ihrem Buchstabenmuseum tummeln sich zarte As neben meterhohen Ws, ganze Schriftzüge ebenso wie Neonreklamen in der zügigen Schreibschrift der fünfziger Jahre. Aus dem anfänglichen Hobby, ein paar Buchstaben in die eigene Wohnung zu stellen, ist längst eine Passion geworden, die Zeit, Geld und jede Menge Liebe fordert.

2009 zogen die Buchstaben aus Dechants Zimmern in ein Schaudepot an der Leipziger Straße. Inzwischen haben sie eine neue Bleibe gefunden: das Einkaufszentrum „Berlin Carré“ direkt am Alexanderplatz. Ein Rummelplatz der lauten Werbung. Mittendrin leuchtet das Buchstabenmuseum wie ein Ding aus einer anderen Zeit, in der man noch vornehm „Lederwaren“ über das Geschäft schrieb oder sich als Experte für „Innendekoration“ empfahl. Und obwohl auch dieser Standort nicht für die Ewigkeit ist, haben die ehrenamtlichen Buchstabenretter nun einen nächsten Schritt gemacht und die Räume gemeinsam mit der Hochschule Coburg neu gestaltet.

Für die Studenten war es eine Semesteraufgabe, für Barbara Dechant und Anja Schulze ein Glücksfall. Ohne finanzielle Förderung, mit einem geringen Eintrittsgeld und den Beiträgen von knapp 50 Vereinsmitgliedern lässt sich kein professionelles Ausstellungskonzept verwirklichen. Wohl aber mit einem Dutzend engagierter Studenten der Innenarchitektur, die das Thema „Szenografie im Raum“ endlich einmal praktisch umsetzen möchten. Marcus Hahn und Wolfram Schmeisser machten den Umbau des Buchstabenmuseums zu ihrer Diplomarbeit. An einem Wochenende im April versammelte man sich in Berlin zum Workshop. Es gab einiges zu klären: Wie präsentiert man ein Sammelsurium aus gefundenen, geschenkten und erkämpften Buchstaben? Den roten Schriftzug von „Hertie“, der 2009 ins Museum einzog, nachdem ihn entlassene Mitarbeiter des Kaufhauses symbolisch in der Spree versenkt hatten. Oder das „Q“ des Quelle-Versands, den es ebenfalls nicht mehr gibt. Präsentiert man die Insignien des deutschen Wirtschaftswunders auf stapelbaren Kisten oder an mobilen Gerüsten? Kann man sie überhaupt getrennt von ihrer Geschichte einfach nur als schöne, typografische Zeichen begreifen?

Doch das möchte Barbara Dechant gar nicht. Im Gegenteil: Wo immer möglich, listet das Museum die Herkunft der Buchstaben auf und verfolgt ihre Geschichte. Wie bei „Zierfische“ und den aus Neon geformten Tieren, die bis 2009 einen Zoofachhandel am Frankfurter Tor zierten. Dass die auffällige Reklame in den frühen achtziger Jahren von dem Grafiker Manfred Gensicke entworfen wurde, hat Dechant erst später herausbekommen – und die dazugehörenden Entwurfszeichnungen zufällig in einem Container gefunden.

So wird aus dem Schaulager langsam ein Ort der systematischen Präsentation. Ein kleines Haus der Buchstaben, in dem sie nach musealen Kriterien bewahrt und gruppiert werden. Selbst an die Restaurierung hat man sich schon gemacht und das eine oder andere Exponat aufgearbeitet – anders allerdings, als mancher sich das vorstellt. Barbara Dechant hält nichts von einer spurenlosen Säuberung. Für sie erzählen die abgestoßenen Kanten, die feinen oder tiefen Risse in den farbigen Oberflächen genau wie blätternde Farbschichten die Geschichte jener typografischen Signale, die teils Jahrzehnte im Außenraum hingen. Perfektion ist uninteressant, wichtiger ist der Charakter eines jeden Exponats. Und die Stücke sind inzwischen heiß begehrt: Gut erhaltene Leuchtbuchstaben werden auf Ebay inzwischen teuer gehandelt. Manchmal verschwinden sogar ganze Schriftzüge von den Fassaden – obwohl die Demontage der unter Strom stehenden Typografien eine Wissenschaft für sich ist.

Dechant erinnert sich noch gut an jenen Morgen vor Jahren, als sie aus ihrer Wohnung auf der Karl-Marx-Allee kam und feststellen musste, dass gegenüber zwei Männer die Neonfische abschrauben wollten. Obwohl man ihr die Reklame des insolventen Tiergeschäfts für 2500 Euro versprochen hatte. Die Grafikerin konnte den dreisten Diebstahl gerade noch verhindern, nun schweben die Fische durch das schwarz gepinselte Museum. Ein langer Steg führt durch die Räume, hinter der niedrigen Brüstung auf beiden Seiten verbirgt sich die Technik. Ein Video auf der Website des Museums zeigt die Studenten bei der Arbeit: Es wird gestrichen und geklebt, die Kabinen des ehemaligen Kosmetikstudios im Carré verwandeln sich in Kabinette, wo blaue Buchstaben neben riesenhaften Logos stehen.

Auch hier konnte sich Barbara Dechant auf das Engagement anderer Liebhaber verlassen. Ähnlich funktioniert ihr weit verzweigtes System aus Freunden und Unterstützern bis hin zu den professionellen Firmen, die für die Demontage solcher Elemente zuständig sind. Sie alle halten potenzielle Kandidaten im Auge – das kann ein einzelner schöner Buchstabe oder ein ganzer Schriftzug sein, der aus diversen Gründen überflüssig geworden ist. Im Berliner Buchstabenmuseum darf er weiterhin erzählen – vom Geschmack anderer Jahrzehnte und einer sich stetig wandelnden Typografie. Von Fachgeschäften, die es in dieser Differenzierung längst nicht mehr gibt. Und von der sachlichen Ansprache einer Werbung, die informieren möchte statt zu überfallen. Es gibt ja nicht weniger Reklame in der Stadt, – im Gegenteil, es wird immer voller. Was verschwindet, ist der ästhetische Anspruch.

Buchstabenmuseum, Karl-Liebknecht- Straße 13 (Berlin Carré, 1. OG), Do-Sa 13 - 15 Uhr, Eintritt: 2,50 €. Infos unter: www.buchstabenmuseum.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar