Kultur : Museum: Die Torte schmeckt

Christian Huther

Gegründet wurde es schon 1978, aber eröffnet erst vor zehn Jahren, im Juni 1991. Frankfurts Museum für Moderne Kunst musste viele Irrungen und Wirrungen hinter sich bringen, bis es als erstes selbstständiges Museum der Gegenwartskunst in Deutschland sein eigenes Gebäude bekam.

Mit der Idee, ein Museum für die Moderne einzurichten, ging lange im Frankfurter Römer Peter Iden hausieren, Theater- und Kunstkritiker der "Frankfurter Rundschau". Beim damaligen Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) und dem Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) fand er Fürsprecher. Als die Erben des Sammlers Karl Ströher über den Darmstädter Standort verärgert waren, sicherte sich Frankfurt 1980 den Löwenanteil von rund 65 Werken der Pop- und Minimal-Art.

Ein dreieckiges Grundstück mitten in der Stadt zwischen Römer, Dom und Paulskirche war rasch ausgemacht, aber die Verhandlungen mit den Eigentümern zogen sich hin. Schließlich sorgte auch die nicht unproblematische Architektur des Wieners Hans Hollein für manche Verzögerung. Hollein griff die Grundstücksform auf; er lässt das 20 Meter hohe Haus aus Beton und rotem Sandstein an einer Ecke nadelspitz zulaufen, am Eingangsbereich hingegen sanft gekurvt nach außen schwingen. So hatte das Museum schon vor der Eröffnung seinen Spitznamen als "Tortenstück" weg.

Gründungsdirektor Peter Iden indes mochte sein Amt nicht länger ausüben, zumal es manch hässlichen Streit mit dem Frankfurter Städel-Museum gab, das sich ausgebootet fühlte, allerdings die Moderne selbst lange vernachlässigt hatte. Als Nachfolger wurde der Schweizer Jean-Christophe Ammann berufen, der bei Amtsantritt 1989 mit dem bereits eineinhalb Jahre zuvor begonnenen Bau konfrontiert wurde. Dem Architekten Hollein, der das Gebäude auch innen als Gesamtkunstwerk konzipiert hatte, konnte er manche Wände und geschlossenen Räume abtrotzen, verändern konnte er die eigenwillige, rund 60 Millionen Mark teure Baugestalt nicht. Zweifellos hat das Haus seinen Reiz mit vielerlei Ein-, Aus- und Durchblicken. Große und kleine, rechteckige und rautenförmige Räume wechseln sich ab. Die in allen drei Etagen erkennbar bleibende Dreiecksform des Hauses ist sogar eine Orientierungshilfe, weiß man doch am Zuschnitt der Räume, wo man sich gerade befindet. Der rasch einsetzende Erfolg des Museums - bis heute zählt es über 1,4 Millionen Besucher - ist zuallererst mit Ammann verbunden. Er räumt das Haus halbjährlich für "Szenenwechsel" um und gibt auch unbekannten Künstlern eine Chance. Vor allem aber ist Ammann Interpretationsgenie, Alleinunterhalter und Visionär in einem. Und er geht auf die Menschen zu, spricht mit ihnen über die oft als banal empfundene Gegenwartskunst. Seine Sammlung an Objekt- und Konzeptkunst, Installationen, Malerei und Künstler-Fotografie wird nicht durchweg gelobt, zumal immer nur Ausschnitte zu sehen sind. So fällt eine Gesamtbewertung schwer, aber Ammann hat es zumindest geschafft, ein breites Publikum für Gegenwartskunst zu interessieren.

Das bekannteste Werk ist Katharina Fritschs "Tischgesellschaft" mit einförmig dasitzenden Herren, aber vertreten sind auch Beuys, On Kawara, Jeff Wall, James Turrell, Bruce Nauman und zudem junge Künstler, die noch keinen klingenden Namen haben. Denn museal drohte das Haus nie zu werden. Sogar der Streit mit dem Städel wurde ausgeräumt: Mittlerweile hilft man sich gegenseitig mit Leihgaben. Dabei hatte es der inzwischen 62-jährige Museumsmann in Frankfurt nicht leicht. Noch nicht einmal ein Jahr nach der Eröffnung erklärte er das Haus schon für bankrott, flossen doch zu wenig städtische Gelder für das Aufsichtspersonal. Als die Finanzprobleme in den folgenden Jahren noch dramatischer wurden, ging Ammann betteln. Aufgeben wollte er nicht, zumal sein missionarischer Eifer bei vielen Firmen Widerhall fand. So platzierte er einen riesigen Sahnebecher als Werbung für eine Milchfabrik auf dem Museumsdach, später sogar ein Smart-Auto. Und 1994 hatte die Modefirma Chanel mit Claudia Schiffer und Karl Lagerfeld ihren großen Auftritt im Museum.

Auf Finanzhilfe ist Ammann nach wie vor angewiesen, beträgt doch der Ankaufsetat gerade mal 50 000 Mark - damit lassen sich nur Werke von jungen Künstlern kaufen. Immerhin drängeln sich inzwischen die Firmen bei Ammann, um seine "Szenenwechsel" zu finanzieren, aber er ist des Geldsammelns müde und will sich wieder mehr der Kunst widmen. So scheidet er Ende 2001 aus, sein 20 Jahre jüngerer Nachfolger Udo Kittelmann vom Kölnischen Kunstverein steht in den Startlöchern. Für ihn ist Ammann auch auf Sponsorensuche. Er will dem neuen Mann die erste Zeit erleichtern, um den Kopf für die Kunst frei zu haben. Denn die braucht immer noch Fürsprecher. Dafür wird wohl auch das dreitägige Jubiläumsfest am kommenden Wochenende (7.-9. September) sorgen, das vor allem Kunst und Musik vereinen soll.

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