Museum für Fotografie : Wenn Räume sprechen

Die Eröffnung des Kaisersaals im Berliner Museum für Fotografie: Mit der Renovierung stehen nun 650 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung.

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Acht Stunden ließ Joseph Nicéphore Niépce 1826 die mit Asphalt beschichtete Zinnplatte belichten. Das Bild, 1826 aufgenommen, gilt als erstes Foto weltweit. Darauf sind Dächer und Fassaden zu erkennen, es ist der Blick aus Niépces Dachfenster. Die Geschichte der Fotografie beginnt also mit einer architektonischen Aufnahme.

Der Hinweis auf diese Geschichte führt den Besucher in die Ausstellung „Ein neuer Blick“, mit der die Kunstbibliothek den restaurierten Kaisersaal im Museum für Fotografie eröffnet. Nur hängt das Bild hier gar nicht. Eine Ausleihe aus der Sammlung Gernsheim an der Universität Texas war laut Moritz Wullen, Direktor der Kunstbibliothek, nicht möglich. Aber die Ausstellung will mehr als reine Kunstgeschichte abbilden, auch wenn sie versucht einen Überblick von den Anfängen der Gebrüder Bisson bis in die Gegenwart zu Candida Höfer zu geben. Der Kaisersaal soll das neue Zentrum für Fotografie in der Stadt werden, jener Ort, an dem unter der Leitung der Kunstbibliothek und ihrer Sammlung für Fotografie die Schätze aller Staatlichen Museen zu Berlin zusammengetragen werden. Bekannt ist das Gebäude in der Jebenstraße bisher vor allem wegen der Helmut-Newton-Stiftung, die sich hier seit 2004 befindet und das Erdgeschoss und den ersten Stock bespielt.

Mit der Renovierung des Kaisersaals stehen nun 650 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung. Früher haben hier Offiziere unter Anwesenheit des Kaisers Bälle gefeiert. Von einstigem Prunk ist nichts mehr zu spüren. Das Architekturbüro Kahlfeldt hat einen zurückgenommenen, klaren Raum geschaffen. Die seltsam unmotivierten Fensteröffnungen an den Seitenwänden markieren die einstigen Kaiserlogen. Das Gewölbe ist einer schlichten Kassettendecke gewichen, durch die indirektes Licht in den Saal fällt. Die Fensterfronten sind aus konservatorischen Gründen grau verhängt, der riesige Saal wird dadurch ziemlich finster. Der Raum gliedert sich durch halbhohe Ausstellungswände, die thematische Nischen schaffen für die einzelnen Exponate.

So zurückhaltend der Raum, so bescheiden ist die Ausstellung. Sie ist gut aufbereitet, eine kluge Reise durch die Kunstgeschichte, aber kein Knaller.

In einer Mittelachse des Kaisersaals hängen sich zwei Fotografien gegenüber, sie markieren den Bogen dieser Schau: Auf der einen Seite ist eine Aufnahme der Königlichen Preußischen Messbildanstalt von 1902 zu sehen, ein Bacchustempel. Auf der anderen Seite die Wassertürme-Serie des Fotografenpaares Bernd und Hilla Becher, die von 1964 bis 1984 entstanden ist. Archäologisch und ethnologisch sind die alten Aufnahmen, die es aus den Archiven der Museen ans Tageslicht geschafft haben, interessant. Mediengeschichtlich auch. Kurator Ludger Derenthal hat eine große Nische unter die Rubrik „Reisen“ gestellt. Denn schnell habe man erkannt, dass man sich mithilfe der Fotografie bedeutendste Kulturdenkmäler ins Wohnzimmer holen konnte.

Das Auge aber reizen erst die Arbeiten jener Künstler, die Architektur für ihre künstlerischen Interpretationen nutzen. Das beginnt um 1900, als etwa Frederick Henry Evans eine offene Tür in der Kathedrale von Ely fotografiert. Durch einen Spalt fällt Licht in einen dunklen Kirchenraum, den Türbogen kann man nur erahnen. Hier geht es nicht um die Innenausstattung eines sakralen Raumes, hier geht es um das Sakrale selbst. Die Erfindung der Leuchtreklame schlägt sich in den Bildern als rätselhaftes Glühen in der Nacht nieder. Und in den zwanziger Jahren zeigt sich, dass eine neue sachliche Architektur auch eine veränderte Bildsprache nach sich zieht. Die Fotografie wird grafischer, die Linien schräger und dynamischer. Am Ende landet die Ausstellung bei den Zeitgenossen.

Der Pop-Art-Künstler Ed Ruscha hat 1966 jedes Gebäude am Sunset Strip in Hollywood als langen Bilderstreifen abfotografiert. In Candida Höfers Arbeiten „Niederländische Botschaft I / II“ von 2003 werden Stahltüren und Flure zu einem abstrakten Gemälde, zu pastelligen Farbräumen. Für Thomas Ruff ist das „Interieur 11C“ (1981) Kulisse. Zu sehen ist ein Schlafzimmer mit Blümchentapete, Blümensteppdecke und Flauschteppich. Das erzählt vor allem etwas über den Bewohner. Es ist ein sprechender Raum.

„Ein neuer Blick“, bis 5. 9., Museum für Fotografie, Jebenstraße 2, Charlottenburg, Di.-So. , 10-18. Katalog 34,80 €.

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