Museum für Islamische Kunst : Schönheit oder Aufklärung?

Die Ansprüche an Museen für Islamische Kunst sind gestiegen – die Neuordnung der Museumsinsel kann nicht alles leisten.

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Stilvielfalt. Malerei aus dem muslimischen Indien, 17. Jahrhundert.Foto: Hans Kräftner/ SMB

Die Eröffnung des Museums für Islamische Kunst in Doha 2008 war ein Weltereignis: Es zeugte vom wachsenden Interesse der islamischen Welt an ihrer eigenen kulturellen und künstlerischen Vergangenheit. Doch auch im Westen ist die Szene in Bewegung: In Toronto wird in diesem Jahr der Grundstein für ein neues Museum für Islamische Kunst gelegt, und viele bestehende Sammlungen wurden erst kürzlich neu präsentiert – so in der David-Sammlung in Kopenhagen oder im Brooklyn-Museum in New York. In Berlin laufen derweil die Vorbereitungen für die Neuordnung des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum, das bis 2019 im Nordflügel des Gebäudes mit über 2000 Quadratmetern eine doppelt so große Fläche wie heute beziehen soll.

Anstoß für die Bewegung ist hier der Masterplan für die Museumsinsel. Doch die Neuordnung fällt in eine Zeit, in der das Interesse an islamischer Kultur auch bei einem breiten Publikum gewachsen ist. Womit Kuratoren islamischer Kunst aus ihrem Nischendasein gerissen und politisch mitverantwortlich werden für die Vermittlung von Geschichtsbildern. Gleichzeitig hat sich die relativ junge Wissenschaft islamischer Kunstgeschichte geöffnet und interessiert sich nun verstärkt für kulturelle und soziale Zusammenhänge, in denen Kunstwerke und Objekte entstanden sind. Ist da die Ausstellung von „Meisterwerken“ in Glasvitrinen in chronologischer Ordnung noch die angemessene Präsentation? Zumal das, was wir als islamische Kunst bezeichnen, oft eher die Massenproduktion anonymer Handwerker war. Und welche Geschichten können islamische Kunstsammlungen überhaupt erzählen?

Zunächst einmal die ihrer eigenen Entstehung. Denn die meisten Museen für islamische Kunst sind aus Privatsammlungen hervorgegangen, und belegen so zunächst einmal das Interesse und den Geschmack des europäischen Sammlers. So bildeten die 21 Orientteppiche aus dem Privatbesitz Wilhelm von Bodes neben der Mschatta-Fassade eines frühislamischen Wüstenschlosses, das als Geschenk des osmanischen Sultans nach Berlin kam, den Grundstock der 1904 von Bode geschaffenen Islamischen Abteilung des Kaiser-Friedrich-Museums. Daneben prägen archäologische Funde durch die museumseigenen Grabungen die Sammlung ebenso wie das Interesse von Bodes Mitarbeiter und Nachfolger Friedrich Sarre beispielsweise an vorislamischer sassanidischer Kunst. Bis heute liegt der Schwerpunkt auf Spätantike und Mittelalter. Nicht vertreten sind Zeugnisse aus dem nordafrikanischen Maghreb, dem Islam südlich der Sahara, von Kreuzzügen oder aus der Moderne seit 1850. Mit dieser Lückenhaftigkeit will der Direktor des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum, Stefan Weber, offensiv umgehen: Der „Biografie“ der Objekte und der Gründungsgeschichte des Museums sollen jeweils eigene Räume gewidmet werden.

Wissenschaftler und Museumskuratoren aus aller Welt waren sich bei einem dreitägigen Workshop in Berlin einig, dass islamische Kunst nicht weiterhin quasi ahistorisch betrachtet werden kann, sondern dem sozialen und historischen Kontext in der Forschung mehr Aufmerksamkeit gebührt. Damit entstehen zwangsläufig diverse Deutungsschichten – doch was bedeutet dies für die Präsentation?

Das Musée du Quai Branly in Paris hat sich dafür entschieden, bei seiner ethnologischen Sammlung sogenannter primitiver Kulturen eher auf die Ästhetik zu setzen. Vom Publikum begeistert angenommen, ernteten die Museumsmacher dafür Kritik von Wissenschaftlern. Im Gegensatz dazu weiß die Kuratorin im Berliner Museum für Islamische Kunst, Julia Gonnella, dass Besucher hier immer öfter Fragen nach dem Islam, der Vielehe oder gar dem angeblichen Gewaltpotenzial dieser Religion stellen. Doch die Sammlung, die von ihren Gründern unter dem Gesichtspunkt zusammengestellt wurde, die Gleichwertigkeit islamischer Kunst mit europäischer zu demonstrieren, kann diese Fragen kaum beantworten. Daher verteidigt Gonnella den altmodischen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Ansatz, den Besucher durch Schönheit in den Bann zu ziehen und damit Brücken zu bauen.

Allerdings bietet das Aleppo-Zimmer, die holzgetäfelte und bemalte Innendekoration eines Empfangsraumes aus dem 17. Jahrhundert, die Möglichkeit, die Vielfältigkeit von Religionen, Sprachen und Kulturen in islamisch beherrschten Gebieten deutlicher herauszustreichen: Von einem christlichen Kaufmann in Auftrag gegeben, stehen hier christliche und islamische Elemente in großer Eintracht nebeneinander. Direktor Weber überlegt, Miniaturen von Alltagsszenen zusammen mit den darauf abgebildeten Teppichen, Schalen oder anderen Gegenständen zu präsentieren, die das Museum besitzt. Und damit den Kontext herzustellen und auch deutlich zu machen, dass erst der westliche Blick viele Objekte zu „Kunst“ machte. Bleibt das Manko, dass so genannte islamische Kunst in Museen meist im 18. oder 19. Jahrhundert abbricht. Weber hofft nun, dass in Berlin eine eigene Ausstellung moderner und zeitgenössischer Kunst aus islamisch geprägten Ländern entsteht.

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