Museum Grimmwelt : Wunder halten länger

Das neue Museum Grimmswelt in Kassel erzählt von den Märchenfindern und entdeckt den tollen Zeichner Ludwig Emil Grimm.

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Ludwig Emil Grimms Zeichnung "Theater Wahnsinn" von 1858 (Aussschnitt).
Ludwig Emil Grimms Zeichnung "Theater Wahnsinn" von 1858 (Aussschnitt).Foto: Die Andere Bibliothek

Wie kommt Ai Weiwei schon wieder nach Kassel? Natürlich, der chinesische Universalkünstler, der inzwischen auch Gastprofessor an der Berliner Universität der Künste ist, wurde hierzulande erst so richtig bekannt, als er im Jahr 2007 zur Kasseler „documenta 12“ nicht nur eine im Gewittersturm eindrucksvoll ineinandergekrachte Installation hölzerner Tempeltüren brachte, sondern auch 1001 leibhaftige Landsleute. Als Nomaden zwischen Kunst und Leben. Diese Aktion mit der bezeichnenden Zahl 1001 nannte Ai schlicht „Fairytale“, also Märchen.

Ungefähr 3001 Nächte und Tage später hat Ai Weiwei wieder etwas nach Kassel gezaubert. Es ist ein Haufen hölzerner Knollen und Strünke, manche fast so groß wie ein Bierfass, und sie haben alle verschiedene Farben, sind golden oder blau, schwarz, silbern. Es sind die bemalten Wurzeln chinesischer Bäume, und Ai Weiwei hat sie der in diesem Herbst neu eröffneten „Grimmwelt“ in Kassel gestiftet. Zum Buchstaben „W“ und dem Wort „Wurzelforschungen“.

Jacob und Wilhelm Grimm, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert erst angefangen hatten, Volksmärchen aus Hessen, Deutschland und der Welt zu sammeln, und die dann mit der Begründung eines „Deutschen Wörterbuchs“ die systematische Erforschung unserer Sprache und damit auch die Germanistik recht eigentlich erfunden haben, sie sind nun gut 150 Jahre nach ihrem Tod spektakulär zurückgekehrt. Nach Kassel, in dieses neue Museum mit Namen Grimmwelt.

Tatsächlich sind Grimms Märchen aus dem eigenen Volksmund universell gewesen und in unzähligen Übersetzungen wieder geworden, wie alle großen, guten (und meist auch unheimlichen) Mythen. „Alle Wörter scheinen mir gespaltene und sich spaltende Strahlen eines wunderbaren Ursprungs“, lautet nun neben den Weiwei-Wurzeln ein Grimm-Zitat an den Wänden des neuen Museums.

„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat...“ – so beginnt die Geschichte vom „Froschkönig oder dem Eisernen Heinrich“. Die junge Königstochter musste einen sonderbar zudringlichen Frosch nur endlich an die Wand werfen, um statt des feuchtkalten Grünmauls einen lebenswarmen Prinzen im Schlafgemach zu haben. Das waren noch Zeiten, in der „Großen Ausgabe“ der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“ von 1837, deren Anfang jener „Froschkönig“ bildet.

Jakob und Wilhelm Grimm kamen in Hanau zur Welt und sind in Berlin begraben

Die beiden ältesten und berühmtesten von ursprünglich neun Geschwistern Grimm, die Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859), wurden zwar in Hanau geboren und liegen nebeneinander in Berlin-Schöneberg auf dem St.-Matthäus-Friedhof begraben. Auch gehörten die beiden Sprachwissenschaftler, Übersetzer, Bibliothekare und Volkskundler als zwischenzeitliche Professoren in Göttingen zu den „Sieben“, die 1837, im Jahr der „Großen Ausgabe“, wegen ihres politischen Engagements vom Hannoverschen König von der Uni und des Landes verwiesen wurden. Ihr Hauptwirkungsort aber blieb Kassel.

Das Museum befindet sich in einem spektakulär gelegenen Park

Dort, in der prächtigen ländlichen Residenzstadt hatte spätestens im September 1943 alles Wünschen nicht mehr geholfen. Kassel besaß Industrie, auch Waffenschmieden, und die alliierten Bomben haben das alte Stadtbild für immer zerstört. Auch die auf dem Kasseler Weinberg im Neorenaissance-Stil errichtete Villa der Maschinenmagnaten Henschel. Man sieht nun am Fuß des von den Aachener Architekten Kilian Kada und Gerhard Wittfeld auf dem spektakulär gelegenen Park-Areal errichteten Grimm-Museums noch Reste von Fundamenten und Gartenmauern der einstigen Henschel-Villa.

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