Museum Schwerin : Glückliche Heimkehr verschollener Gemälde

Im Doppelrahmen: Das Museum Schwerin erhält zwei im Krieg verschollene Gemälde wieder zurück. Beide Gemälde waren seinerzeit aus Furcht vor Bombenangriffen nach Ivenack bei Neubrandenburg ausgelagert worden.

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Wieder aufgetaucht. Hendrick van Vliets Interieurbild „Oude Kerk in Delft“ (1659).
Wieder aufgetaucht. Hendrick van Vliets Interieurbild „Oude Kerk in Delft“ (1659).Foto: Gabriele Bröcker

Nach zwölf Jahren Zwangsaufenthalt in New York, einem Rechtsstreit mit den Erben der von den Nazis enteigneten Besitzerin und 14,8 Millionen Euro für die Rückgabe des Bildes kehrte Ende August Eugen Schieles „Wally“ aus den USA ins Wiener Leopold-Museum zurück. Da hatten es die Schweriner besser: Zwei seit dem zweiten Weltkrieg verschollene Gemälde aus dem Verlustkatalog retournierte jetzt ein anonymer Besitzer aus dem Nachlass seiner Mutter freiwillig gegen einen nicht genannten Finderlohn an das Staatliche Museum – „Inneres der Oude Kerk in Delft“ (1659) des holländischen Malers Hendrick van Vliet und „Bach im Winter“ (1920) von Marie Hager, einer Pionierin der Moderne in Mecklenburg. Der Erbe hatte auf der Bild-Rückseite einen Hinweis auf die Großherzogliche Sammlung entdeckt.

Beide Gemälde waren seinerzeit aus Furcht vor Bombenangriffen nach Ivenack bei Neubrandenburg ausgelagert worden. In der Nachkriegszeit gelangten sie als Naturallohn an die Erblasserin, die bei Ivenack wohnte und für die Russen arbeitete. Nach mehr als sechs Jahrzehnten kam ein kurioser Doppelpack in einem gemeinsamen Rahmen zurück: Der zeitweilige Besitzer mochte offenbar die kühle, modernistische, dick gespachtelte Winterlandschaft lieber als das altmeisterliche, lebensvolle Kircheninterieur. Jedenfalls packte er die größere Leinwand des Hager-Bildes (120 mal 112 Zentimeter) über den wesentlich kleineren van Vliet (98 mal 82,5 Zentimeter) in dessen Rahmen. Für den Holländer war das ein Segen: Abgesehen von vergilbtem Firnis und einem kleinen Riss in der Leinwand blieb das seit 1930 nicht restaurierte Stück erstaunlich gut erhalten. An Hagers pastoser Malerei allerdings platzte vor allem an den Kanten die Farbe ab, und die Restauratoren haben viel zu tun.

Bedeutender als Marie Hagers sechstes, zumal größtes Gemälde für die Abteilung Klassische Moderne ist van Vliets Kirchen-Inneres für Schwerins renommierte holländische Sammlung des 17. Jahrhunderts. Die „Oude Kerk in Delft“ flankiert nicht nur vorzüglich die Delfter „Torwache“ von Carel Fabritius, sondern rund ein Dutzend hochkarätiger Kircheninterieurs unter anderem von Emanuel de Witte, Pieter Neeffs d. J. und Anthonie de Lorme. Objekte dieser Art sind auf dem Kunstmarkt heute nur für sechsstellige Beträge zu haben. 2008 kostete van Vliets Delfter Motiv, ebenfalls von 1659, leicht in der Perspektive verschoben und bloß 55 mal 69 Zentimeter groß, in einer Münsteraner Kunsthandlung 300 000 Euro.

Kein Wunder, die meisterlich angelegten Vexierbilder belebter sakraler Innenräume zeugen auf amüsante Weise vom nachreformatorischen Wandel protestantischer Kirchen abseits von religiösen Ritualen in Treffpunkten, Börsen und Flaniermeilen. Erlaubt war dort, was heute als veritabler Skandal gelten würde – Geschäftemachen, Plaudern und Herumschlendern, stillende Mütter, spielende Kinder und sogar munter schnüffelnde Hunde. Zwei davon sind jetzt auch bei van Vliet in Schwerin zu sehen. Ob als zeitbedingtes Accessoire bürgerlicher Lebenswelt oder antisakrale Künstler-Ironie, ist bis heute ungewiss.

Die jüngste Rückgabe ist nicht der einzige Glücksfall in der wechselvollen Geschichte des Schweriner Museums: Auch die meisten seiner 1807 von den Truppen Napoleons nach Paris verbrachten 209 Gemälde kamen später zurück. Vier allerdings, darunter ein Caravaggio, hängen noch heute im Louvre. Neue Abgänge folgten. Im Schweriner Verlustkatalog für Gemälde und Plastiken stehen noch fast 600 Nummern offen.

Die Ausstellung „Scheinbar vertraut. Die holländische Genremalerei in Schwerin“, mit der das Staatliche Museum auf seine über 100 Werke dieser Gattung hinweist, ist noch bis morgen zu sehen. Weitere Informationen unter: www.museum-schwerin.de

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