Kultur : "museumsakademie berlin": In grauen Zellen

Ronald Berg

Zur Einführung in ihre vielschichtige Ausstellung führt Karin Rosenberg exemplarisch ihre Arbeitsweise vor: Bei der Kolonne untereinanderstehender Worte handelt es sich um den Rest von 130 in der Ausstellung verwendeten Begriffen aus dem Bereich der Botanik und Meteorologie: Keimung, Konzentration, labiler Zustand, Seitenorgan, Taupunkt oder Einrollung sind da zu lesen. Begriffe, die bei näherem Hinsehen Assoziationen an das menschliche Triebleben auslösen. Die Mehrdeutigkeit ist beabsichtigt, denn die Begriffe koppeln innerhalb der Ausstellung zwischen den Bildelementen, Bilder von Wolken und Wellen, Gartenplänen und schematisierter Fotosynthese, die die Gegenstandsbereiche der beiden thematisierten Wissenschaften anschaulich vorführen. Exemplarisch steht dafür auch die Strichzeichnung des Gewächshauses aus dem Botanischen Garten in Dahlem. Von diesem Motiv führt ein sogenannter Link, eine mit Klebestreifen horizontal und vertikal geführte Verbindungslinie, zu einem anderen Bild: die Zeichnung eines Messkastens für Luftfeuchte. Innerhalb dieses Konstrukts finden sich die Begriffe "Bereicherungszone" und "Transpiration", die hier zugleich das Motto der Ausstellung abgeben könnte: Um sich hier zu orientieren, braucht es zunächst einige Anstrengung.

Die eigentliche Ausstellung gliedert sich in drei offen aneinandergrenzende Räume mit je einem thematischen Leitmotiv. Bei dem größten der Räume könnte es "künstliche Natur" oder "naturhafte Künstlichkeit" heißen. Karin Rosenberg hat hier in Grisaillezeichnung Blattformen neben Gartengrundrissen an die Wand gehängt. Die Links wandern von den Pflanzenbildern über den Boden auf die gegenüberliegende Wand und treffen hier auf Kästen. Darauf hat Rosenberg von ihr neu geschöpfte Pflanzen und Blütenstengel platziert: ein in einem Rohrstück steckender Küchenquirl, ein Topfkratzer auf einem Stil und ein Honigheber in einem Lockenwickler. All diese Kreationen einer künstlich stilisierten Natur passen sich in ihrer grau-silbrigen Farbe dem Grundton der ganzen Ausstellung an. Alles ist Grau in Grau.

Wasser, Wolken und Wegesysteme

Vielleicht ist dies ja ein erster Hinweis auf den imaginären Ort der ganzen Angelegenheit. Denn inklusive der zwei noch folgenden Räume zu Wasser und Wolken einerseits und zu Wegesystemen und Spuren andererseits, spielt das Geschehen in grauer Vorzeit und ist letztlich allein in den grauen Zellen des Gehirns situiert. Um diesem Gedankensprung folgen zu können, muss man sich an die antike Rhetorik erinnern, die empfahl, sich die zu erinnernde Rede - zwecks besserer Abrufbarkeit - verräumlicht vorzustellen. Jeder Teil der Rede solle an einem bestimmten Raum innerhalb eines Hauses platziert werden. Während des Vortrags könne man dann im imaginären Gang durch das Haus die einzelnen Teile der Rede abrufen. Rosenberg hat dieses Gedächtnismodell wörtlich genommen und ihre bisherigen Werkphasen in die gegenwärtige Raumsituation installiert. So ist das gezeichnete Wandbild mit den Spuren von Lastwagen in einer Kiesgrube nicht nur an das übergeordnete Thema "Wegesysteme" angebunden, wo mit mäandernden Flussläufen oder Strömungsmodellen zur Entstehung von Zyklonen eine Art kartographisches Kabinett entstand, sondern die Zeichnung referiert gleichzeitig eine ältere Arbeit, bei der Rosenberg ihre alltäglichen Wege im Stipendiatenatelier auf Schloss Plüschow in situ graphisch festhielt.

Der Ausstellung kann man diese Beziehung direkt nicht entnehmen. So wird der Besucher auch nicht das einzige originale Relikt der Rosenbergschen Künstlervita erkennen, das Bild einer per Fotokopierer verfremdeten Wasseroberfläche im letzten der Räume. Wellen und Wolken dominieren hier die Szene. Auch die Referenz an die Leuchtkästen mit Wolkenbildern, die Rosenberg 1997 im Braunschweiger Dom ausgestellt hat, lässt sich den mit Graphitstift gezeichneten Wolkenformationen nicht ablesen. Auch wenn man sich während des Rundgangs - freilich ohne es zu ahnen - in die grauen Zellen der Künstlerin verstiegen hat, so hat doch auch die konkret-sinnliche Ebene der Präsentation ihre eigene Aussage. Sorgfältig geordnet, arrangiert und pseudodidaktisch wie im naturkundlichen Museum präsentiert, zeigt sich, dass in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Natur nicht viel mehr übrig bleiben als Schemata und abstrakte Begriffe. "Grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum", das wusste ja bereits Goethe. Aber offenbar ist die graue Reduktion ebenso wie eine für Laien geradezu surreale Begriffsbildung conditio sine qua non für den Umgang mit dem wimmelnden Bestand des Lebens, der anders weder zugänglich noch handhabbar oder gar archivierbar wäre. Insofern geht es Rosenberg hier nicht um den Antagonismus von Natur versus Kultur, sondern zunächst um die Reflexion über deren Verhältnis.

0 Kommentare

Neuester Kommentar