Museumsinsel : Das Herz schlägt wieder

Das Neue Museum ist das Prunkstück der Berliner Museumsinsel. Architekt David Chipperfield sucht den Königsweg bei Restaurierung und Erneuerung.

Michael Zajonz
Neues Museum
Balanceakt. Die Deckenmalerei im Niobidensaal wird behutsam gereinigt. -Foto: Johannes Bennke

Dieses Haus wird polarisieren. Wird Begeisterungsstürme auslösen bei allen, denen die Geschichtlichkeit historischer Baudenkmale einschließlich ihrer Altersspuren wichtig ist. Und Empörung unter jenen, die es wieder so heil haben wollen, wie es einmal war.

Es war einmal: ein Museum, zunächst nur als Erweiterung von Schinkels Altem Museum gedacht, doch von seinem Architekten Friedrich August Stüler im Inneren zu einem der prachtvollsten Kunsttempel seiner Zeit gestaltet. Dann eine Ruine mitten in Berlin, die auch 45 Jahre nach Kriegsende so aussah, als wäre es gestern passiert. Ein Architekturwettbewerb zum Wiederaufbau, der zwar einen Sieger, doch keine Verständigung hervorbrachte. Ein Bauherr, der den Entwurf von Frank O. Gehry durchdrücken wollte und damit das Neue Museum zur zentralen Eingangshalle der Museumsinsel degradiert hätte. Und schließlich ein zweiter Anlauf, bei dem man sich – endlich – im Dezember 1997 auf den damals 44-jährigen britischen Architekten David Chipperfield einigen konnte.

Chipperfield, heute ein international gefeierter Stararchitekt, damals nur Kennern ein Begriff, übernahm die Planungen zum Wiederaufbau des Neuen Museums im Januar 1999. Später erhielt er auch den Auftrag für das Gesamtkonzept, den „Masterplan Museumsinsel“, und zuletzt für das neue zentrale Eingangsgebäude, die James-Simon-Galerie, deren Entwurf Ende Juni vorgestellt wurde. Alles Maßnahmen, um das Neue Museum, dieses kostbarste unter den noch zu polierenden Kronjuwelen Berlins, zu schützen: vor allzu hohen Erwartungen seiner künftigen Nutzer.

Im Sommer 2003 begann man mit der Generalsanierung – zuvor schon waren Millionen für die aufwendige Neugründung des Gebäudes verbaut worden. Am kommenden Freitag wird Richtfest gefeiert. Im Oktober 2009 soll das Neue Museum als drittes Haus auf der Berliner Museumsinsel wiedereröffnet werden.

Wenn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nun am 22. September für drei Tage die Baustelle des Neuen Museums dem Publikum öffnet, löst sie damit ein Versprechen ein: mehr Öffentlichkeit. Die Stiftung holt sich kritisch-schaulustige Bürger ins unfertige Haus, auch solche, die buchstäblich über alles stolpern werden. Ein Projekt wie der Wiederaufbau des Neuen Museums, das die Bundesrepublik voraussichtlich 233 Millionen Euro kosten wird, braucht die begleitende Diskussion – selbst wenn Veränderungen nur noch im Detail möglich sind.

Zu sehen sein werden neben bislang meist nur teilweise restaurierten historischen Räumen all die Bauteile, die Chipperfield und sein Berliner Projektteam unter Leitung von Martin Reichert neu entwickelt haben. Konsequent neu.

Die neue Haupttreppe, die Chipperfield anstelle der völlig zerstörten alten in die zentrale Treppenhalle gewuchtet hat, wurde schon angesichts von Modellfotos und Simulationen heftig befehdet. Die fast vollendete Treppe aus zart ockerfarbenen Betonfertigteilen wird die Gemüter weiter erhitzen. Hier, im gewaltigen, die Gebäudetiefe voll durchmessenden Treppenhaus schlägt das Herz des Neuen Museums. Hier prangten bis zur Zerstörung sechs bombastische Wandbilder Wilhelm von Kaulbachs, die Kulturgeschichte der Menschheit, vom Turmbau zu Babel bis ins Zeitalter der Reformation. Hier hatte Stüler, um „seinem innigst verehrten Meister (...) ein Denkmal zu stiften“, einen alten, zu dessen Lebzeiten unverwirklichten Entwurf Schinkels realisiert. Der Bombenkrieg hinterließ eine bis auf die Backsteinwände skelettierte Höhle. Die späte DDR plante eine Totalrekonstruktion einschließlich Kaulbachs Bilderzyklus – eine Vermessenheit, die bis heute Anhänger findet.

Chipperfield hingegen hat seinen Entwurfsansatz in zwei Begriffen kondensiert: ergänzende Wiederherstellung und konservierende Restaurierung. Restauriert wird nach denselben Methoden, die man heute bei der Konservierung einer romanischen Basilika oder eines venezianischen Renaissancepalasts anwenden würde. Durch die Geschichte geschlagene Fehlstellen, etwa an Wandmalereien oder am Skulpturenschmuck, soll man auch künftig erkennen können. Damit wählten Chipperfield und sein Denkmalexperte Julian Harrap mit Bedacht den unbequemen Weg: Jeder Raum, jede Wand muss individuell behandelt werden. Doch dafür wird es kein historisierendes Disneyland „in neuem Glanz“ geben, sondern weitmöglichst authentische historische Oberflächen. Was jedoch an größeren Bauteilen und Raumfolgen verloren ist – und beim Neuen Museum waren das ganze Gebäudeflügel –, wird nun in der Formensprache des 21. Jahrhunderts ergänzt.

Für die zentrale Treppenhalle heißt das: sanft gereinigte, doch unverputzt-rohe Ziegelwände; ein neuer offener Dachstuhl aus dunkel lasiertem Holz; die Treppe aus präfabrizierten Teilen. Aus der Überfülle des Dekorums bei Stüler ist bei Chipperfield die Wucht schierer Masse geworden. Monumental und verstörend wirkt die noch nicht vom Publikum belebte Treppe aus bis zu zehn Meter langen, perfekt Fuge an Fuge gesetzten Einzelteilen. Sie wurden in Bayern gegossen und mit einem Kran ins Gebäude gehievt. Man muss diesen asketischen, zwischen Altägypten und Minimal Art oszillierenden Raum nicht mögen. Doch seiner physischen Präsenz kann man sich kaum entziehen. Das vor einem Dreivierteljahr eröffnete Bode-Museum, so der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, wirke dagegen wie eine „Wiener Torte“.

Beton in vorgefertigten Elementen, durch zusätzliche Stoffe wie sächsischen Marmor, Weißzement und brandenburgischen Sand veredelt, findet sich überall in den Räumen. Mal geschliffen und poliert, mal gesandstrahlt; als Wandpaneel, Säule oder Deckenunterzug. Der Beton wirkt wie eine optische Klammer, zieht zusammen, was sonst wegen der Komplexität der Ruine in unzählige Splitter zerfallen würde. Beton bildet einen der schönsten Räume, der, weil ausnahmsweise nur bedingt auf seinen historischen Vorgänger Rücksicht nehmend, ganz Chipperfield-Design zeigt: den zum Innenraum erklärten Ägyptische Hof. Zehn schlanke Vierkantstützen tragen seine verglaste Betonkassettendecke und – auf der Ebene des ersten Obergeschosses – ein Podium für künftige Museumspräsentationen. Im Ägyptischen Hof, der an zwei Seiten völlig neu aufgemauert werden musste, tritt auch das zweite Leitmaterial des neuen Neuen Museums in Erscheinung: unverputzter Backstein.

Es ist keine Ruinenromantik, sondern Respekt vor den frühindustriellen Baumaterialien der Stüler-Zeit, die Chipperfield alte Abbruchsteine verwenden ließ. Fantastische Steine, unregelmäßig in Farbe und Fläche, wie sie nicht mehr reproduzierbar sind. Sie lassen das Prinzip sichtbarer Ergänzungen in milderem Licht erscheinen. Und schärfen die Sinne: für die Schönheit der durch jahrzehntelange Verwahrlosung auf ihre konstruktive Grundstruktur abgemagerten Räume.

Den überwältigendsten Eindruck schafft Chipperfield damit im an alter Stelle wiedergewonnenen „Südöstlichen Kuppelraum“. Ohne Unterbrechung durch Gesimse läuft die gemauerte Kuppel bis zum Oberlicht. Verformt sich dabei sphärisch vom Quadrat zum perfekten Kreis. Gefertigt wurde dieses Kunststück Stein auf Stein von Maurern, die schon am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche beteiligt waren. Hier gelingt Chipperfield, was er bei der Treppenhalle knapp verfehlt: Erhabenheit.

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