Kultur : "Mushroom im Garten": Knipsen per Wimpernschlag

Anja Hirsch

Bruno Kalthoff braucht seinen Nervenzusammenbruch. Die Sicherheit, mit der sich der verheiratete Studienrat in seinem Leben eingenistet hat, wächst ihm über den Kopf. Er wird in die Klinik eingeliefert. Dort ist ein Psychiater für ihn zuständig, dessen Stimme wir nie vernehmen. Er bleibt ein Zuhörer - wie die Leser des beachtenswerten Romandebüts "Mushroom im Garten" von Sabine Voss. Offensichtlich bezieht der betreuende Arzt die Ehefrau Irmgard und die Schwester Heike in Brunos Heilung ein. Beide schreiben Berichte über Bruno, der sich auch selbst zu Wort meldet. Das sind die vergnüglichsten Passagen des Buches, denn Bruno glaubt nicht mehr daran, Bruno zu sein. Für Bruno ist Bruno der Unbekannte. "Bis auf seine leibliche Hülle hat er mir nichts hinterlassen, einfach nur Leere, nichts, rein gar nichts, was darauf hinweisen könnte, warum er abgetreten ist, sich aus dem Staub gemacht hat und ausgerechnet ich sein Nachfolger bin."

Mit "Mushroom im Garten" schreibt sich Sabine Voss virtuos in die Reihe der Fallgeschichten ein - mit einer Sprache, die nur stockt, wenn die Dramaturgie eine Pause verlangt. Ansonsten lässt sie drei Stimmen auftreten. Man hat eine Bühne vor Augen: platziert in der Mitte Bruno, flankiert von den beiden Frauen, die Monologe frontal ins Publikum gerichtet. Kommunikation unter den Darstellern findet nicht statt. So kreist Sabine Voss ihr Subjekt ein, bis es sich verfängt im Netz der Protokolle.

Geboren ist die Autorin 1959 in Wolfenbüttel, aufgewachsen in Siegen, wo sie Germanistik und Philosophie studiert hat. Ihre Arbeit als Dramaturgin merkt man dem Roman an. Sie setzt Bruno in Szene. Die anderen hat sie auf Rollen festgelegt. Vor allem im Fall von Irmgard, Lehrerin, Pedantin, ist die Regieanweisung manchmal zu präzise. Irmgard muss Klischees verbreiten, zum Beispiel, wenn sie von Brunos WG-Vergangenheit erzählt. Führt Sabine Voss ihre Regie dagegen flexibel zur Figur, beginnt ihr Buch zu leuchten - immer dann, wenn die Hauptfigur das Wort ergreift. Zum Beispiel so: "Der Herbst zündet ganze Wälder an, wo man hinsieht Bildmotive, Dächer brennen vor azurblauen Grund, man möchte abdrücken mit beiden Augen, die Bäume prall und schwer, kurz vor ihrer Niederkunft, alles knipsen mit Wimpernschlägen..." Das ist Bruno, entlassen aus seiner Haut, zügellos.

Diese Sprache funktioniert nur, weil die Autorin genauso gut nüchtern schreiben kann und ihre Sätze mit Ironie unterfüttert. Bruno ist ein Original auf der Krankenstation, schlagfertig im eigenen Denken, eine literarische Figur, der man gerne lauscht, weil die Ideen quer schlagen. Seine Schwester aber schreibt patent gegen ihn an, und Bruno zerfließt einem zwischen den Fingern, gerade wenn man glaubte, ihn fassen zu können. Am allerwenigsten lässt er sich noch auf einen "Fall" festlegen. Er ist eher ein liebevoller Exzentriker, der mit Musik introvertrierte Mitpatienten euphorisiert - beispielsweise mit dem Song "Mushroom". Kann man noch ausbrechen, wenn man ein Leben lang im selben Fahrwasser geschwommen ist? Diese Frage steht im Zentrum des Romans. Sabine Voss lässt keinen Zweifel an der Antwort: Es ist unmöglich, sich zu ändern. Bruno wird genesen.

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