Music Week : Auf in die Schlacht!

Die Killers gehören zu den erfolgreichsten Rockbands der letzten Dekade. Nach vier Jahren Pause kommen sie mit neuem Album nach Berlin. Dort spielen sie beim Berlin Festival, das Teil der Music Week ist. Die beginnt am heutigen Mittwoch.

Martin Riemann
Erfolgreich: The Killers
Erfolgreich: The KillersFoto: Williams + Hirakawa

Es war eine harte Zeit.“ Brandon Flowers, der stets polarisierende Frontmann der Killers, betont gerne, wie problematisch die Aufnahmen zu dem lang erwarteten vierten Album waren. Dementsprechend erschöpft wirken er und Gitarrist Keuning, als sie eine Auswahl ihres neuen Materials in den kleinen bandeigenen Battleborn- Studios in Las Vegas vorstellen. Besonders Keuning wirkt gerädert und beäugt seinen Bandkollegen von Zeit zu Zeit mit einem Blick, von dem man nur ahnen kann, ob er spöttisch, skeptisch oder einfach nur ratlos ist. Keuning überlässt Flowers das Reden. Und der scheint auch derjenige zu sein, der einen Plan verfolgt und sein Quartett stets in Echtzeit in einen kulturgeschichtlichen Kontext einzuordnen versucht.

Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die Killers für die beste Band ihrer Zeit hält. Unbescheidenheit gehört für ihn zum Geschäft. Immerhin ist er in Las Vegas aufgewachsen. Und die astronomischen Erfolgszahlen – 15 Millionen Mal verkauften sich die drei bisher erschienen Killers-Alben „Hot Fuss“, „Sam’s Town“ und „Day and Age“ – sind ein gutes Argument. Aber gerade deswegen darf es für ihn keinen Schritt zurück gehen. Flowers steht in der Pflicht, wieder und wieder die eigene Bedeutung zu steigern. Nach einer fast vierjährigen Schaffenspause wog dieser selbst gesetzte Anspruch schwerer denn je. Zumal die Band sich immer nur in Superlativen präsentiert und schon ihr zweites Album als „das beste Rockalbum der letzten 20 Jahre“ beschrieb.

Bei „Day and Age“ bot sich ihnen 2008 noch der Ausweg eines stilistischen Versteckspiels, bei dem sie es tatsächlich schafften, frühen Bowie, Disco, Soul und unbeschwerten Pop gemeinsam mit ihrem grundsoliden Rockethos auf die Tanzfläche zu führen. Hier konnte sich Flowers noch fast selbstvergessen mit eher körperbetonten Fragen wie „Are we human, or are we dancer?“ ganz in einen handwerklich gediegenen Soundteppich aus Saxofonen, Samba und Synthies fallen lassen. Der Sänger und Keyboarder trug damals gerne Fasanenfedern auf den Schulterpolstern seiner Dior-Jackets. Pathos war Leichtigkeit gewichen. Diese Zeiten sind vorbei.

Jedenfalls wenn man Flowers Glauben schenkt, für den das kommende Album der Killers das genaue Gegenteil zu „Day and Age“ bezeichnet. Allein ein Vergleich der Produktionsbedingungen spricht für ihn Bände. „Day and Age“ wurde binnen eines Monats mit nur einem Produzenten aufgenommen. Für „Battle Born“ brauchte die Band über ein Jahr, reiste für die Aufnahmen nach Nashville und Los Angeles, um schließlich doch wieder in Las Vegas zu landen, und beanspruchte die Mitarbeit von fünf Produzenten (darunter Schwergewichte wie Damian Taylor und Steve Lilywhite). Der Grund für diesen Aufwand war Flowers allerdings von Anfang an klar: „Wir wussten alle, dass es unser wichtigstes Album werden würde. Jeder Song ist komplexer gestaltet als alles, was wir bisher gemacht haben.“

Der Weg dorthin sei konfliktreich und teilweise extrem anstrengend gewesen. „Battle Born“ eben. Und so zeigt sich das hart erkämpfte neue Material von düsterer Wucht. Melancholie, Wehmut und Misstrauen gegenüber der Moderne bestimmen den Ton der meisten Stücke. Eindringliche Balladen, die den für die Killers typischen Bombast mehr denn je in der Tradition des amerikanischen Album oriented Rocks verankern. Die erste Single „Runaways“ gibt dabei die Richtung vor. Laut Flowers ein Liebeslied, in dem es nicht um „Schmetterlinge und Luftschlösser“ geht, sondern eher um die Verantwortung, die jeder für sein Leben hat. Einer Verantwortung, der sich in den Augen des Sängers immer mehr Menschen entziehen. Was ihm den größten Kummer bereitet, ist ein schleichender Identitätsverlust, der sich vor allem in den USA bemerkbar mache. Flowers erscheinen die meisten Menschen immer mehr wie „Drohnen“. Fremdgesteuert, ignorant gegenüber ihren eigenen Wurzeln und deshalb zwangsläufig verantwortungslos. Als „Aufruf zu den Waffen“, einen Weck- und Warnruf will er die neuen Songs verstanden wissen.

Die Killers fordern ihr Publikum auf, sich selbst kennenzulernen: „Think deep! Woher kommst du? Wer bist du? Wer waren deine Großeltern? Was ist das Besondere an dir?“ Flowers, der bekennende Mormone, meint es ernst mit seiner Botschaft. So brandmarkt er in sehnsuchtsvollen Balladen wie „Here With Me“ moderne Kommunikationstrends als hohlen Ersatz für tatsächliche Zwischenmenschlichkeit. Liebe auf Social Media ist ihm einfach zu unromantisch. Das Internet mit seiner Möglichkeit, Meinungen sehr spontan zu äußern, sieht er skeptisch, da zu viel Negativität verbreitet werde. Als Gegenmittel bieten die Killers perfekt ausgeleuchtete Nostalgie, wie in „Miss Atomic Bomb“, das schon im Titel auf eine andere Ära anspielt und übrigens eine Art Prequel zu „Mr. Brightside“, dem Superhit der Band, sein soll. So bringen die Killers auch mit „Battle Born“ wieder diese durchaus raffinierten Bigger-Than-Life-Momente, die ihr Publikum von ihnen erwartet. Nur geben sie ihm diesmal auch eine riesige Mahnung mit auf den Weg.

„Battle Born“ erscheint am 14.9. bei Universal. Konzert: 7.9., 22.30 Uhr Berlin Festival, Flughafen Tempelhof. Der Autor ist Mitarbeiter des Intro-Magazins.

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