musica reanimata : Rettung der jüdischen Kunst

In der Weimarer Republik waren 80 Prozent der musikalischen Produktionen jüdischen Ursprungs. Nach dem Exil wurden sie 1945 von Neuem übertönt. „ musica reanimata“ engagiert sich seit 20 Jahren für die musikalische Wiederbelegung.

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Die Wiedereröffnung einer Synagoge in Görlitz - Wiederbelebung der jüdischen Kunst und Kultur.
Die Wiedereröffnung einer Synagoge in Görlitz - Wiederbelebung der jüdischen Kunst und Kultur.Foto: dpa

„Bei Machtübernahme war die Lage auf dem Operettenmarkt so, dass 80 Prozent der Produktionen sowohl musikalisch wie textlich jüdischen Ursprungs war “, berichtet „Reichsdramaturg“ Rainer Schlösser am 12. September 1934 an Joseph Goebbels. Im Bereich der sogenannten ernsten Musik sah es ähnlich aus: Jüdische Künstler hatten die Weimarer Republik geprägt – und wurden nun von den Nationalsozialisten systematisch verfolgt. Vor allem, wenn sie zudem auch noch in „entarteten“ Stilrichtungen wie dem Jazz oder der Atonalität aktiv waren.

Für die, die rechtzeitig fliehen konnten, bedeutete das Exil fast immer materielle Not. Die wenigsten konnten an frühere Erfolge anschließen wie Erich Wolfgang Korngold, der in Hollywood eine zweite Karriere startete. Nach 1945, als ihre Werke in Deutschland wieder hätten gespielt werden können, wurden die vom NS-Regime Verfemten dann bald durch jene jungen Wilden übertönt, die in Donaueschingen und Darmstadt ihre Avantgarde-Schlachten ausfochten.

Seit 20 Jahren kämpft der Berliner Verein „musica reanimata“ darum, die Erinnerung an diese doppelt vergessene Generation wiederzubeleben. Und zwar, indem sie deren Musik zum Klingen bringt. Die bei der Firma Decca erschienene CD-Serie „Entartete Musik“ gehört zu den Erfolgen der verdienstvollen musikwissenschaftlichen Initiative, ebenso wie die Inszenierung von Berthold Goldschmidts „Der gewaltige Hahnrei“ 1994 an der Komischen Oper, die der Komponist noch miterleben konnte. Dass Victor Ullmanns in Theresienstadt entstandener „Kaiser von Atlantis“ mittlerweile zum Repertoire deutscher Stadttheater gehört, dass die Namen Erwin Schulhoff oder Pavel Haas wieder in Konzertprogrammen auftauchen, ist ebenfalls der „musica reanimata“ zu verdanken. Für seinen unermüdlichen Einsatz bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen auf dem Gebiet der Musik wurde Albrecht Dümling, der dem Verein seit 1992 vorsteht, 2007 mit dem „Kairos“-Kulturpreis ausgezeichnet. Das Preisgeld nutzte er, um den Schicksalen deutscher Musikexilanten in Australien nachzuspüren.

Seit 17 Jahren bietet das Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt dem Verein einen Veranstaltungsort für seine Gesprächskonzerte. Und hier wird jetzt das Jubiläum gefeiert: Am heutigen Donnerstag stellen Winfried Radeke, Maria Thomaschke und Andreas Jocksch Chansons und Satiren aus dem Ghetto Theresienstadt vor. Bei einem Round-Table-Gespräch am 26. September wird dann die Geschichte von „musica reanimata“ beleuchtet, die mit der Erforschung des Musiklebens in Theresienstadt begann. Anschließend sind wichtige Werke von Gideon Klein, Sigmund Schul und Karel Reiner zu hören. Zwei Tage später richtet sich der Blick nach Los Angeles. Am Beispiel zweier Flüchtlinge – des Österreichers Walter Arlen und des Italieners Mario Castelnuovo-Tedesco –, die an der US-Westküste Zuflucht fanden, geht es um Glück und Elend im Exil.

www.musica-reanimata.de

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