Musical : Die Kartei hat immer Recht

Das gibt es weltweit nur in Berlin: Beim Arbeitsamt kümmern sich Spezialisten um die Vermittlung von Musical-Darstellern. Ein Besuch bei den Jobvermittlern, die auf die Welt des Entertainment spezialisiert sind.

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Wir wollen euch verzaubern! Die hoffnungsvollen Musical-Preisträger des Bundeswettbewerbs Gesang 2011 beim Abschlusskonzert im Friedrichstadtpalast. Foto: Matthias Heyde
Wir wollen euch verzaubern! Die hoffnungsvollen Musical-Preisträger des Bundeswettbewerbs Gesang 2011 beim Abschlusskonzert im...

Patrick Stamme sieht unverschämt gut aus: 1,79 Meter groß, blaue Augen, blonde Haare, Verführerlächeln. Er spricht Englisch und Französisch, kann Fechten, Rollerbladen, Tennisspielen, spielt Gitarre. Das Beste aber ist: Patrick Stamme ist zu haben – für jede Art von Unterhaltungstheater. Denn der 24-Jährige ist einer von 1400 Musicalprofis, die sich auf der Website der ZAV-Künstlervermittlung präsentieren.

ZAV steht für „Zentrale Auslands- und Fachvermittlung“. Bei dieser Service-Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit kann man zwar keine Hartz-IV-Anträge stellen – aber tolle Jobs finden. Neben Managern und Menschen, die im Ausland arbeiten wollen, kümmert sich die ZAV nämlich um Könner aus allen Bereichen der darstellenden Künste sowie um Profis aus künstlerisch-technischen Berufen rund um Bühne und Kamera.

An Einrichtungen wie der ZAV erkennt man, dass Deutschland immer noch eine Kulturnation ist. Hier werden eben nicht nur die kulturellen Institutionen großzügiger unterstützt als in den meisten anderen Nationen, hier kümmert man sich eben auch staatlicherseits darum, dass Künstler in Lohn und Brot kommen, die am Anfang ihrer Karriere stehen oder eine schwierige Phase durchmachen, weil sie sich altersmäßig beispielsweise in der Grauzone zwischen jugendlichem Liebhaber und komischem Altem befinden. Gerade für Musical-Darsteller ist das besonders wichtig, weil sie im Gegensatz zu ihren Kollegen vom Opern- und Schauspielfach nicht auf feste Verträge in Theaterensembles hoffen können, sondern jeweils nur Stückverträge bekommen. In allen anderen Ländern der Welt sind sie auf private Agenturen angewiesen, die für ihre Vermittlungsarbeit natürlich einen Prozentsatz der ohnehin schon geringen Gage verlangen. In Deutschland können sie zur ZAV gehen.

Zum Beispiel ins Berufsinformationszentrum der Bundesagentur für Arbeit am kürzeren Ende der Friedrichstraße, gleich beim U-Bahnhof Kochstraße. Man durchquert die schmucklose Halle, nimmt den Aufzug in den 5. Stock, läuft über lange Flure und findet sich schließlich in einer typischen Amtsstube wieder: Linoleumboden, einfachste Büromöbel, Topfpflanzen. Ein nüchternes Ambiente, das so gar nicht zum Glamour des Showbusiness passen will.

Andererseits: Hinter den Kulissen der allermeisten Theater sieht es ja auch höchst bescheiden aus. Der beiden „Arbeitsvermittler mit besonderem beruflichen Hintergrund“ jedenfalls, die hier an ihren Schreibtischen sitzen, haben keine Probleme, sich gedanklich in die Illusionswelten des Entertainment zu versetzen. Denn sie kennen den Betrieb von innen.

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