Kultur : Musical in Hamburg: Gut gebrüllt, Löwe

Kai Müller

Thomas Schumacher hörte nicht hin, als Disney-Boss Michael Eisner eines Tages in seiner Tür stand. Ich glaube, wir sollten aus dem "König der Löwen" ein Musical machen, sagte Eisner. Schumacher nickte. Ja, sicher. Eisner musste den Verstand verloren haben, dachte er, den erfolgreichsten Disney-Film aller Zeiten, ein Tiermärchen zudem, in ein Musical verwandeln zu wollen. Aber Eisner blieb hartnäckig und zwang den Leiter seines Theater-Departements, einen Vorschlag zu machen. In seiner Not fiel dem nur Julie Taymor ein, eine Bostoner Avantgarde-Künstlerin, die ihre experimentellen Theaterinszenierungen mit skurrilen Masken bebildert. Den "König der Löwen", der 750 Millionen Dollar eingespielt hatte und über 40 Millionen mal als Videocassette verkauft worden war, kannte sie nicht. Auch die Musik war ihr unbekannt.

Schumacher erzählt die Geschichte gerne. Denn es ist eine amerikanische Geschichte. Sie handelt davon, das Unmögliche möglich zu machen: Der "König der Löwen" wurde der größte Broadway-Erfolg seit Jahrzehnten, ausgezeichnet mit 6 Tony Awards. Seit der Premiere 1997 waren alle Vorstellungen ausverkauft. Doch "König der Löwen" ist mehr als eine Geldmaschine. Tatsächlich ist der Eindruck der Eingangsszene überwältigend, wenn zu den Klängen eines südafrikanischen Zulu-Chors eine saft-gelbe Sonne sich über die Savanne hebt und ein lebensgroßer Elefant durch einen Seitengang zur Bühne des New Amsterdam Theatre wankt. Man wohnt mit staunenden Augen dem Lebendigwerden der Wildnis bei, sieht Antilopenherden davonrennen und Vögel durch die Luft segeln. Wäre das alles Illusionstheater, der Kitsch wäre nicht auszuhalten. Doch Julie Taymor hat die Tänzer und Schauspieler nicht hinter Tieratrappen versteckt. In fantasievolle Kostüme gekleidet und den Unzulänglichkeiten ihres Zweibeiner-Daseins ausgeliefert, verkörpern sie eine Kunstwelt, die vor allem davon zehrt, dass die Transformationsleistung sichtbar bleibt.

Zweifellos ist "König der Löwen" das Kronjuwel des Unterhaltungskonzerns, der seine Broadway-Eroberung 1994 mit "Die Schöne und das Biest" eingeleitet hatte. Der Blockbuster ist eine Familien-Show, die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen in ihren Bann und zur 42. Straße zieht. Hier, rund um den Times Square, prägten vor ein paar Jahren noch Nachtclubs und Sex-Schuppen das Straßenbild, umwölkte die Theaterszene der Ruf eines red light district. Gerüchte, dass Disney seinen Produktionen durch massive Grundstückskäufe ein freundliches Umfeld zu geben half, weist Schumacher von sich: "Wir haben das junge Publikum erschlossen", sagt er, "natürlich blieb das nicht ohne Einfluss auf den Broadway, aber wir haben ihn deshalb nicht verändert."

Wenn das niederländische Musical-Unternehmen Stage Holding morgen im Hamburger Hafen den "König der Löwen" vorstellt, nimmt eine Partnerschaft Gestalt an, die auf den deutschen Musical-Markt einen nicht minder starken Einfluss ausüben wird. Disneys "König der Löwen" im umgebauten Buddy-Theater könnte ab Dezember 2001 eine Großattraktion sein, die der "Glöckner von Notre Dame" in Berlin nicht geworden ist. Die Vormacht des Konkurrenten Peter Schwenkow und dessen Stella AG ist gefährdet. Schon jetzt plant das von dem Medienmogul Joop van den Ende gegründete Musical-Unternehmen Stage Holding, in Hamburg ein zweites Theater. In Berlin, wo es bereits Eigentümer des sanierungsbedürftigen Metropol-Theaters ist, bemüht es sich zurzeit auch um das Schiller-Theater und träumt sogar von einem dritten Haus. Insgesamt belaufen sich die Investitionen nach Angaben des Geschäftsführers Maik Klokow auf bis zu eine halbe Milliarde Mark.

Das Geld soll, so beteuert van den Ende, einer Theater-Kultur zugute kommen, die Talente entdeckt und fördert und für ein Massenpublikum anspruchsvolle Stoffe entwickelt. In Deutschland ist die Tradition des Musiktheaters durch Stücke wie Brecht / Weills "Dreigroschenoper" immerhin mit begründet worden. Doch widerspricht es der hiesigen Theaterlandschaft, wenn Musicals für sakrosankt erklärt und dem Zugriff alternativer Interpretationen entzogen werden. Das mag den Mangel an Regie-Talenten auf diesem Sektor erklären. Die übliche Lizensierungs- und Übernahmepraxis bietet Regisseuren zu wenig Gelegenheit, einem Stoff eigene Perspektiven abzugewinnen. Auch Disney gewährte diesen Luxus nur Julie Taymor. Das geglückte Experiment ist seither unverändert nach Los Angeles, London und Tokyo exportiert worden.

Disneys Verkaufsstrategie folgt dem Prinzip: Schafft eins, zwei, drei, viele Originale! Es ist grotesk, dass in Japan, einem Land mit Jahrtausende alter Maskentradition, dieselben Löwen-Images verwendet werden wie in den USA. Aber auch in Hamburg wird die ästhetische Umsetzung nur in Details von Taymors ursprünglichem Konzept abweichen. Schumacher selbst überwacht die Inszenierung. "Das ist unsere Show", betont er. Dabei bewies seine riskante Wahl einer Außenseiterin einst, dass dem Musical ästhetisch keine Grenzen gesetzt sind.

Am Times Square lief vor einem Jahr mit "Aida" die dritte Disney-Produktion an - eine von Tim Rice und Elton John kreierte Neufassung der Nil-Saga. Auch dieses Stück wird in Kürze von der Stage Holding in Europa nachinszeniert. Es markiert Disneys Bemühen, sich als Musicalproduzent nicht auf die Weiterentwicklung hauseigener Stoffe zu beschränken. Am meisten stört dabei die Einfältigkeit, mit der Disney seine Produktionen auf plakative Leitmotive reduziert - und gegen soziale Spannungsfelder immun macht. So ist die Geschichte der nubischen Prinzessin Aida, die in ägyptische Gefangenschaft gerät und Geliebte des Feldherren Adames wird, ein fetziges Pop-Spektakel, kalt und seelenlos. Mit fast schon unverschämter Gleichgültigkeit werden in "Aida" Sklaven in Ketten gelegt, ohne dass das Verhältnis von schwarzen Knechten und weißen Herren sichtbar würde. Die Figuren: eindimensionale Comic-Geschöpfe; die Songs: philharmonisch aufgeblasene Pop-Hymnen. Eine Überwältigungsmaschine.

Es mag bezeichnend sein, dass die Disney-Leute im "König der Löwen" Parallelen zu "Hamlet" entdecken, der aus Soweto stammende Komponist Lebo Morake aber vor allem an Mandela denkt. Er selbst floh mit 14 Jahren vor der Apartheid aus Südafrika. Wie Simba war er in den USA auf die Unterstützung anderer angewiesen, bevor er als gefeierter Musiker in sein Heimatland zurückkehrte. Es sind seine von Zulu-Gesängen geprägten Spirituals, die dem Musical seine Kraft geben. Wenigstens sie zeigen, dass die Geschichte reale Erfahrungen spiegelt.

Für Julie Taymor ist Theater eine Bastion der Fantasie. Die von Computer- und Videospielen dominierte Kulturindustrie, warnt sie, raube dem Menschen die Fähigkeit, "Dinge durch Abstraktion zu erschaffen". Bei Disney rannte sie mit dieser Auffassung offene Türen ein. Von deutschen Produzenten wird dieser amerikanische Glaube in das Theater gerne missverstanden. Es geht eben nicht darum, Menschen für Dinge zu begeistern, "ohne zu problematisieren", wie Klokow sagt. Viel wichtiger wäre, dass das Musical nicht im Kunstgewerbe erstarrt, sondern sich als widersprüchliche Kunstform entwickeln kann.

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