Musical-Sänger Eric Lee Johnson : Ein Pionier bleibt hier

Eric Lee Johnson war beim Musical Boom in Europa ganz vorne mit dabei - und jahrelang Solist im Ensemble des Theaters des Westens. Jetzt erfindet er sich noch einmal neu.

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Ein echtes Multitalent.
Ein echtes Multitalent.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Na klar, das war ja mal wieder typisch Berlin: Als Helmut Baumann im September 1984 seine Ära als künstlerischer Direktor am Theater des Westens eröffnen will, kann er das nicht im Prachtbau an der Kantstraße tun – weil es mit dem termingerechten Abschluss der Sanierungsarbeiten dann doch nicht geklappt hat. Also weicht er für seine erste Produktion in die Messehalle 1 aus. Es gibt „Jesus Christ Superstar“, und als Judas steht ein junger Mann auf der Bühne, dessen Eltern extra aus Washington, DC angereist sind. Am nächsten Tag erscheint ein Foto in der „B.Z.“, unter der Überschrift „Ein Star ist geboren“.

Fünf Jahre lang arbeitet Eric Lee Johnson da schon in Europa, das Engagement im neu eingerichteten Berliner Musical- Ensemble ist die Krönung einer Senkrechtstarterkarriere. Die vor dem Plattenspieler begonnen hat: „Meine Mutter besaß mehrere Original-Broadway-Cast-LPs, von denen mich besonders ,The Sound of Music‘ und ,The King and I‘ faszinierten, weil da viele Kinder vorkamen“, erzählt der mittlerweile 56-jährige Sänger, während er in seiner Wilmersdorfer Wohnung einen Korb voll dampfender, selbst gebackener Muffins auf den Tisch stellt. „Abends, wenn wir im Bett lagen, haben mein Bruder und ich all die Songs nachgesungen.“ In der Grundschule meldete er sich dann auch gleich im Chor an. Als die Mutter, eine Lehrerin, seinen ersten Auftritt mit den Worten kommentiert: „Ganz nett, aber du warst mir zu leise“, entmutigt das den Sohn nicht, im Gegenteil: „Darum bin ich so ein lauter Mensch geworden“, sagt er und lacht sein kraftvolles, herzhaftes Lachen.

In der Oberstufe macht Eric Lee Johnson regelmäßig bei Musicalaufführungen mit, direkt nach seiner Abschlussfeier geht’s im elterlichen Auto nach Williamsburgh, zum ersten bezahlten Job in einer Hotelshow. Im Sommer darauf ist er in Ohio engagiert, im „King’s Island Vergnügungspark“, und nach nur drei Wochen auf der Uni hat der 19-Jährige schon einen Gastspielvertrag in der Tasche – für das Stadttheater St. Gallen.

"Das ist wie mit dem geplatzten Kondom"

Nachdem der dortige Intendant Wolfgang Zörner das Musical „Raisin“ am Broadway gesehen hat, will er es unbedingt auf seiner Bühne zeigen. Eric Lee Johnson stürzt sich ins Abenteuer Europa, lernt Deutsch, bekommt Anschluss-Jobs in Bern. Stundenlang kann er Anekdoten aus diesen Jahren als Pionier des Musicals in Europa erzählen. Und ewig möchte man ihm zuhören, weil da all die Stücke, all die Namen auftauchen, die sich im Gedächtnis eines jeden Fans des unterhaltenden Musiktheaters mit der Zeit so angelagert haben. Aufregende Jahre müssen das gewesen sein. Für das Publikum wurde jede Premiere zur Entdeckung, verzaubert von der Magie des ersten Mals. Die Szene der Macher wiederum war noch so klein, dass jeder schnell jeden kannte. Und mittenmang der blutjunge Mann aus Washington.

1981 steht Eric Lee Johnson zum ersten Mal auf der riesigen Bregenzer Seebühne in der „West Side Story“, am Wiener Raimundtheater ist er dann der erste Schwarze, der den Jim Boy in Abrahams Operette „Blume von Hawaii“ spielt. Zweieinhalb Jahre bleibt er in Österreich, wird Teil der kleinen Community, die den Grundstein legt für den bald beginnenden Musicalboom im deutschsprachigen Raum – und lernt Helmut Baumann kennen.

„Es war eine Fügung“, sagt er heute über seine Zeit am Theater des Westens. Überhaupt ist der Amerikaner davon überzeugt, dass ganz viele Dinge nicht einfach so passieren: „Das ist wie mit dem geplatzten Kondom – vielleicht ist das gar kein Unglück, vielleicht sollte es eben einfach so kommen.“ In der Mauerstadt wird der Amerikaner also in die „Familie“ aufgenommen, wie Baumann seine Entertainmenttruppe nennt. Hart wird hier gearbeitet, als Vater der Kompanie ist der Herr Direktor ein Patriarch: Selbst die Solisten, die abends auftreten, haben um 10 Uhr fürs Training an der Ballettstange zu stehen und nachmittags für die nächste Show zu proben.

Trotz des Erfolgs träumt er vom Broadway

„Guys and Dolls“ eröffnet im Dezember 1984 das endlich fertige Haus, dann folgt das Kinderstück „Peter Pan“, mit einer 21-jährigen Schauspiel-Elevin aus Münster in der Hosen-Titelrolle: Ute Lemper. Bei der Saisonabschluss-Produktion, einer Kurt-Weill-Revue, hat Eric dann eine Szene mit der jungen deutschen Kollegin, während derer sie unvermittelt ihren Rock herunterreißen muss – und dabei die bald so berühmten endlosen Beine zur vollen Geltung bringt. Eric muss wieder lachen: „Die Bombe ist direkt neben mir geplatzt!“

Während die Lemper in London und New York als Velma Kelley in „Chicago“ bejubelt wird, spielt Eric Lee Johnson in der Berliner Produktion des Stücks den Billy Flynn. Im legendären „Käfig voller Narren“ zeigt er dann als schriller Diener Jacob seinen Traumbody, übernimmt aber immer wieder auch die Rolle der Zaza. Außerdem etabliert er das Format der intimen „Late Night Shows“ im Foyer. Nach fünf Jahren aber fühlt er sich reif für die Abnabelung vom Übervater und überreicht dem verdatterten Baumann seine Kündigung. „Zum 30. Geburtstag habe ich mir die Freiheit geschenkt“, nennt er das rückblickend.

Vier Jahre wird er noch regelmäßig als Gast ans Theater des Westens zurückkehren, für „Grand Hotel“ zum Beispiel oder für Götz Friedrichs „Porgy and Bess“. 1994, nach einem Engagement bei „Miss Saigon“ in Stuttgart, packt Eric Lee Johnson dann seine Sachen und geht zurück in die Staaten. Weil auch in seinem Herzen, allen Erfolgen in Europa zum Trotz, der Ursprungsimpuls aller Musicalkarrieren immer noch lebendig ist: der Traum vom Broadway.

Er wird sich erfüllen, aber mit umgekehrten Vorzeichen: Zwölf Jahre lang spielt er in „Forbidden Broadway“, einer Show, die Dauerbrennermusicals parodiert. Mit Anfang vierzig kommt Johnson dann ins Grübeln: „Ich fing an, mich darüber zu ärgern, dass die Jüngeren uns älteren Kollegen nicht den Respekt entgegenbrachten, den ich erwartete. Heutzutage fühlt sich jeder Anfänger ja sofort als Musical-Star.“

Singt, spielt, malt - ein Multitalent

Also macht er, was wohl nur Amerikaner so leichtherzig tun können: Er erfindet sich neu, nimmt Bürojobs an, arbeitet sich vom Rezeptionisten der Warner Bros. TV mit jeder neuen Stelle ein wenig weiter hoch, bis ihm seine Deutschkenntnisse schließlich sogar ein Angebot vom ARD-Studio Washington einbringen.

Als ihn zeitgleich allerdings ein Anruf von Rolf Kühn erreicht, „seinem“ Chefdirigenten aus TdW-Tagen, der ihn für „La Cage aux Folles“ in Dresden buchen will, packt Eric erneut die Koffer – obwohl ARD-Korrespondentin Hanni Hüsch ihn persönlich bittet, doch in Washington zu bleiben. Aber die Sehnsucht nach der Bühne ist einfach zu groß. Und nach Berlin. „Hier gehöre ich hin“, sagt er und breitet die Arme aus, als wolle er, hier in seiner Wilmersdorfer Seitenflügelwohnung, die ganze Stadt umarmen.

Als Darsteller ist Johnson immer noch aktiv, war bei „Kiss me, Kate“ in der Komischen Oper dabei, ist mit einer Tourneeproduktion von „Cats“ umhergezogen. Derzeit orientiert er sich auch in Richtung Synchronsprechen und Stand-up-Comedy. Für Mai ist eine Show im Theater O-Tonart geplant. Im Dezember war seine Expertise in der Jury des Bundewettbewerbs Gesang gefragt. Zu Jahresbeginn dann hat er als bildender Künstler debütiert, in seiner ersten Ausstellung Fotos gezeigt, die er raffiniert am Computer veränderte, verfremdete. „Ich habe immer noch viel auszudrücken – auch lautlos“, sagt er und schickt gleich noch seinen Lieblingsspruch hinterher: „Das hier ist nicht nur ein schönes Gesicht – da steckt auch was dahinter.“

Unter der breiten Brust schlägt ein mitfühlendes Herz. Weil er viele Freunde durch HIV verloren hat, engagiert sich Eric Lee Johnson in der Aids-Hilfe. So, wie er es am besten kann: singend. Jeden Monat tritt er bei der Schwulenberatung auf und in der HIV-Station des Auguste-Viktoria-Krankenhauses: „Wir kündigen das nicht groß an, die Minikonzerte sind vor allem für Patienten und Angehörige gedacht, als kleiner Lichtblick.“ Eine richtig große Nummer dagegen war sein Auftritt beim letzten Christopher Street Day: Da hörten eine halbe Million Leute zu.

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