Kultur : Musik als Baustelle

Das Aldeburgh Festival feiert 60. Geburtstag

Clemens Prokop

Das Meer ist hier geruchslos, aber immerhin: Man kann es hören, wie es gemächlich an Aldeburghs Kiesstrand brandet. Die lange Reihe bunter Fassaden, die kleinen Boote und der längst funktionslos gewordene Leuchtturm sind die perfekte Kulisse für all jene, die die Nordsee genauso titschern, rauschen und brodeln hören wollen, wie Benjamin Britten sie in seine Kompositionen hat fließen lassen.

Festivals von Rang bedeuten normalerweise Ausnahmezustand. Anders in Aldeburgh. Die Stadt lässt sich so wenig aus ihrem Rhythmus bringen wie das Meer. Dass es, alljährlich im Juni, zum Pilgerziel nicht nur für Britten-Fans wird, könnte man glatt übersehen: Die Musik spielt außerhalb, im Backsteinareal der alten Snape Mälzerei, mitten in geschützter Landschaft. Höchst malerisch. Verdammt weit ab vom Schuss.

Zum 60. Mal findet das Aldeburgh Festival statt. Dass sich mehr denn je ein demonstrativ distinguiertes mit einem vergleichsweise jungen Publikum mischt, hat wesentlich damit zu tun, wie sehr es dem künstlerischen Leiter Thomas Adès gelingt, sein Programm frisch zu halten. Es reicht vom Festivalgottesdienst über Musik von Nono und Pfitzner bis zur Altreifenpercussion am Strand. Seit Benjamin Britten und sein Lebensgefährte Peter Pears den Bürgermeister, Pfarrer, die Feuerwehr und wen man sonst noch so braucht zu einem Festival überredeten, bedeutet Musik machen in Aldeburgh: Zeitgenössisches zelebrieren und immer mit einem Fuß nach der Zukunft tasten.

Bereits Britten begriff Aldeburgh als Möglichkeit, Kompositionen aufzuführen, mit denen er sich selbst keineswegs leicht tat. Musik als Baustelle: Ein treffendes Synonym auch für Brittens eigene Musik, die häufig zwischen den Zuständen schillert. Zwischen Ebbe und Flut, Orkan und Totenstille, sinnlicher Erweckung und körperlichem Verfall.

Insofern ist Thomas Manns „Tod in Venedig“ eine ideale Vorlage für Brittens Musik – und eine perfekte Oper für Aldeburgh. Der Schriftsteller von Aschenbach verliebt sich in den Jungen Tadzio, und während er sich selbst seine Gefühle eingesteht, versinkt Venedig im Chaos der Cholera. Am Ende liegt Alan Oke, der Protagonist, hingegossen in einem Strandstuhl: nicht erlöst wie Dirk Bogarde bei Visconti, sondern gebrochen.

Dem Regisseur Yoshi Oida gelingt damit ein Bild von großer Verlassenheit. Mit dem er alle verbissenen Textwächter provozieren muss, die vergeblich auf Thomas Manns Symbol der Erlösung warten – und übersehen, wie differenziert Oida die Geschichte einer Menschwerdung erzählt. Die überhören, wie es Alan Oke gelingt, mehr Wärme in seine Stimme zu legen, die lodernde Leidenschaft genauso wie die drückende Verzweiflung. Das alles spielt sich auf Tom Schenks aschgrauer Bretterbühne ab. Vor dem fleckigen Backsteinhintergrund der Snape Maltings Concert Hall hat er ein kleines Bassin gebaut, in dem Pontons schwimmen. Einfacher kann man Venedigs Kanäle kaum zeigen.

Dass man die Lagunen trotz allem förmlich riechen kann, liegt an Paul Daniel. Den Gestank des fauligen Wassers, den süßlichen Geruch der Verwesung, all das übersetzen er und sein sehr junges Festival-Orchester direkt in Musik. Da trifft es sich gut, dass auch die Bregenzer Festspiele, der Co-Produzent in diesem Jubiläumssommer, ein großes Wasser in ihrer Nähe wissen. Clemens Prokop

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