Kultur : Musik am Marterpfahl

Die Berliner Philharmoniker exerzieren unter Simon Rattle Wagners „Rheingold“ – konzertant

Christine Lemke-Matwey

Stress macht unfroh und unfrei. Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Magengeschwüre – dies alles handelt sich ein, wer ständig unter Strom steht. Wer immer alles fuchsteufelsgenau wissen will. Wer nicht den kleinsten Schluderjahn duldet. Kurz: Wer noch nachts um vier besser, klüger und schöner sein muss als alle anderen. Die Folgen? Panische Leere. Burn-out. Depressionen.

Von Stress zuallererst erzählt auch das konzertante „Rheingold“ der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle. Keine flockige Fingerübung im Blick auf das Festival von Aix-en-Provence, wo der Vorabend des Wagnerschen „Rings“ in einer Woche seine szenische Premiere erlebt (Regie: Stéphane Braunschweig), kein fußballweltmeisterliches Augenzwinkern im Schatten des philharmonischen Saisonschlusses, nichts Südlich-Süßes, irgend Sommerfrischiges. Das „Rheingold“ hat etwas vom Gemurmel und Gewese in einem Theaterfoyer, kurz vorm letzten Pausenklingeln: Phrasen werden gedroschen, Seitenhiebe ausgeteilt, Wiedersehen gefeiert, Seelen verschachert. Das Ganze möglichst im Parlando, im gehobenen Plapperton irgendwo zwischen Rossini und Richard Strauss, auf den das Bildungsbürgertum sich so gut versteht respektive verstand. Vom Plappern indes sind Rattle und die Philharmoniker weit entfernt, wie ihnen überhaupt der „weihevolle Wellenklatsch“ (Thomas Mann) der Partitur wenig zu sagen scheint. Stattdessen: eine Anmutung wie Pech und Schwefel. Geteerte Forti. Raue, rohe Übergänge. Das wiederum hat Gründe. Psychologische. Ästhetische. Sehr konkrete.

Zum einen ist da die eher unselige Vorgeschichte, jene ominöse „Debatte“ über ein mögliches Zerwürfnis zwischen den Musikern und ihrem Chefdirigenten. Rattle habe den Philharmonikern in nur vier Jahren ihren spezifisch „deutschen Klang“ geraubt, alles Dunkle, jede Tiefe, so behauptete ein einsamer Feuilletonist gleich unter mehreren Namen in mehreren Blättern (vgl. Tsp. vom 27.5.), der Orchestervorstand ließ sich zu einem Dementi hinreißen, der Rest der Branche reagierte gelangweilt bis erstaunt. Wahr oder nicht: So etwas geht einem hochsensiblen Luxusklangkörper zweifellos an die Nieren. Und provoziert. Zum Zweiten ist da das Repertoire, der „Ring“, den die Philharmoniker zuletzt unter Karajan gespielt haben, vor 40 Jahren also: Hier fehlt ein gerüttelt Stück Tradition (was, mit Professionalität kompensiert, allerdings auch ein Vorteil sein könnte). Das schafft Unsicherheiten, zunächst. Zum Dritten gibt es keine Partitur, die schlechter geeignet wäre als die des „Rheingolds“, um einem Orchester verschütt gegangene deutsche Tugenden zu entlocken. Denn eins ist garantiert immer falsch: der Klang, der jenseits des finalen Schwert-Motivs oder des Donnergrollens („Heda! Heda! Hedo!“) fast mehr französisch-impressionistisch parliert und somit als neuerlicher Beleg für die philharmonische Aversion gegen jedwedes romantisch-gründelnde Pathos gelten muss; oder das Stück selbst, das unter der Knute des so genannten Deutschen (wie unterm Wissen um das Ende, die „Götterdämmerung“) jämmerlich zugrunde geht. Rattle entscheidet sich am Freitag in der Philharmonie für die zweite Variante – gegen alles Lichte, Rhetorische, Fliegengewichtige, das man ihm spätestens nach seinem Baden-Badener „Rheingold“ mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment unterstellt hätte. Glücklich wirkt er in dieser hurtig geschneiderten Zwangsjacke nicht.

Zum Vierten schmieden auch die Bayreuther Festspiele mit Christian Thielemann diesen Sommer an einem neuen „Ring“. Das erhöht den Druck, gibt den ultimativen Startschuss fürs Wettrennen um den Wagnersound des 21. Jahrhunderts. Und fünftens schließlich sind die Berliner Philharmoniker ganz einfach kein Grabenorchester (und mögen sie sich diesmal auch grabengerecht postieren, das Blech rechts hinten, die Bässe in der Mitte). Für sie geht es nicht darum, im Dunkeln zu munkeln, sie wollen brillieren, überperfekt sein, überpräsent, selber im Rampenlicht. Und sie sind es. Das heißt freilich auch, dass ihnen alles Schweinigelhafte, Filoueske, von der die Oper nicht zuletzt lebt, abgeht. Das heißt vor allem, dass jene Unschärfe, die den Klang erst größer macht als den Künstler, der ihn hervorbringt, und der gerade Wagnersche Räume erst öffnet, systematisch ausgemerzt wird. Als läge auf jedem Pult eine Packung Antibiotika, und vielleicht ist es ja das, was Simon Rattle interessiert: Was bleibt von Wagners Weltumarmungsgeste, so scheint er zu fragen, wenn man sie aufs Menschliche, auf das von Menschen Gemachte reduziert?

Die Konsequenzen sind vielfältig und doch leicht zu resümieren: Diese Musik klebt am Marterpfahl ihres eigenen Notentextes, an Taktstrichen und Sechzehntelfähnchen. Das fängt im Vorspiel an, dessen Es-Dur-Naturlaut keineswegs aus mythischen Urtiefen ans Ohr dringt, sondern im bedächtigen 6/8-Rhythmus ganz „akustischer Gedanke“ ist, mathematisch-maschineske Ordnung (mit geringfügigen, der Nervosität geschuldeten Wacklern).

Und es hört bei den Tempi noch lange nicht auf. Mit einer Spieldauer von zwei Stunden 37 Minuten bewegt sich Rattle hier im Mittelfeld, der flotte Zweistünder also, mit dem er spaßeshalber im „Spiegel“-Gespräch drohte, gehört ins Reich der Legende. Der Verdacht einer schnelleren Gangart speist sich vielmehr aus notorischer Unrast, als würde auf dem Podium hyperventiliert, als bollerte und tuckerte es unter der philharmonischen Motorhaube beständig weiter. Auch kennt dieser Abend kein Innehalten, kein Sich-Versenken, keine Ruhe, nicht einmal in der Erda-Szene (firm: Anna Larsson) oder bei Frickas „Wehe!“-Rufen (klar: Lilli Paasikivi). Und selbst das Entsagungsmotiv („Nur wer der Minne Macht versagt“), von den Rheintöchtern erstmals intoniert (Sarah Fox, Victoria Simmonds, Ekaterina Gubanova), schlägt Rattle durch. Kein Zeigefinger, keine Moral von der Geschicht, keinerlei Bedeutungshubereien. Das könnte wohltuend sein, entspannt, ja heiter.

Warum es das nicht ist? Die Gründe wurden dargelegt. Außerdem fehlt dem Abend die Bühne, das dreidimensionale Spiel mit Nähe, mit Distanzen. Gewisse Raumeffekte werden zwar erzielt (Rheintöchter aus dem Off), und natürlich ist dieses Orchester zu ganz unerhörten Piani und Farben fähig, in den Streichern, im Blech (Tarnhelm-Motiv!). Rattle aber beschränkt sich leider über weite Strecken auf ein dynamisches Auf- und Abblenden zugunsten der wenig idealen Stimmen: Willard White als ordentlich sonorer Wotan, Robert Gambills heftig forcierender Loge, Dale Duesings heiserer Alberich, Mireille Delunsch als mozartleichte Freia. Ihre Befreiung wird von einer großen, herrlichen Emphase getragen, wie übrigens auch der Triumph der Götter nach Alberichs Überwältigung herrlich hybrid ertönt und geifernd.

Überhaupt lassen etliche Details aufhorchen: Alberichs Trompetennieser und das anzügliche Gurgeln der Fagotte in der Rheintöchter-Szene, die schmatzenden Krötenhüpfer, die den dummen Zwerg schließlich um den Ring bringen, das schillernde Riesen-Crescendo vor seinem Fluch. Werkstatt Aix: Simon Rattle wird in den nächsten Jahren Zeit und Muße finden, uns seinen Wagner, seinen „Ring“ zu erklären. Vorerst fallen die sechs Harfen des „Rheingold“-Finales nicht vom Himmel und ist der Götterdonner eine Frage des Holzhammers. Aber wer sagt, dass das so bleibt.

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