Kultur : Musik-Biennale: So frei

Volker Michael

Für die Qualität der Stücke sind die Komponisten verantwortlich. So weist Heike Hoffmann, die scheidende Leiterin der Musik-Biennale, jede Verantwortung für Risiken beim Genuss zeitgenössischer Musik zurück. Als habe er dieses Risiko gescheut, kam der 35-jährige französische Komponist Brice Pauset wegen Krankheit nicht zur Uraufführung seiner "Six Canons" nach Berlin. Seine Scheu wäre völlig unbegründet gewesen, präsentierte doch das Klangforum Wien ein Stück, das eine große Entdeckung und ein Ereignis war.

Pauset ist auf beiden Seiten des Rheins und in mehreren musikgeschichtlichen Epochen zu Hause. Er spielt Cembalo und arbeitet zugleich am Pariser IRCAM und am Experimentalstudio des SWR. In seiner Musik offenbaren sich Respekt für die Vätergeneration, für Pierre Boulez und Brian Ferneyhough, aber viel deutlicher eine ungemein inspirierende Freiheit, Epochen, Ideen und Techniken zu überspringen. Die "Six Canons" sind mit ihrem Nebentitel "Musurgia combinatoria" einem musikologischen Traktat von 1650 gewidmet, dessen Denken "in dauernder Bewegung ist". Diese Bewegung hat Pauset fasziniert, und mit ihr fasziniert Pauset die Zuhörer.

Der Titel "Canons" suggeriert zunächst eine einfache Struktur. Doch Pauset geht es um die Erfassung des ästhetischen Faktors Zeit mithilfe eines historischen Begriffs wie Kanon. Zeit findet hier mehrfach und mehrschichtig statt und erzeugt somit eine bezaubernde Ästhetik des Augenblicks. Wie ein Spinnennetz webt Pauset die Klänge, nicht als geometrische Form, sondern als Stimmung. Stimmungen schwanken von Kanon zu Kanon, bisweilen schälen sich elektronische Klangwelten heraus. Die Musiker des Klangforum Wien spielen unter der exzellenten Leitung von Emilio Pomárico exakt wie Maschinen, aber mit der menschlichen Freiheit, den klingenden Augenblick zu gestalten.

Geradezu seinen seriellen Techniken unterworfen scheint der früh verstorbene Jean Barraqué gewesen zu sein. Seine Kraft zur Formung von Klängen ist nicht minder groß. Aber seine Musik zu Szenen absurden Theaters "... au delà du hasard" von 1958/59 wirkt erschlagend komplex. Die 13 Szenen für vier Instrumental- und eine Vokalformation bedrängen den Hörer mit ihrer nervösen Emotionalität. Es gibt wohl kaum eine Musik, die sich so in theoretische Durchdringung flüchtet und - scheinbar paradox - gerade deshalb über ungeahnte sinnliche Qualitäten verfügt. Erst recht dann, wenn sie so perfekt gespielt wird wie vom Klangforum Wien.

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