Kultur : Musik-Biennale: Wo der Himmel wächst

Martin Wilkening

Eines ist der Musik-Biennale auch in diesem Jahr wieder gelungen - ein breiteres Publikum für neue Musik zu interessieren. Ein Publikum, das stets spontan und begeisterungsfreudig reagierte, und dies zuweilen auch in überraschender Weise. Gar nicht enden wollende Beifallsstürme wie im letzten Biennale-Konzert hätte die Uraufführung des neuen Werkes der koreanischen Komponistin Younghi Pakh-Pan auf einem Insider-Festival wohl nicht erlebt.

Zu sehr zielt der Schmerzenston dieser Musik auf reine Überwältigung der Zuhörer, fordert mit massivsten Mitteln eine Empathie ein, die er eigentlich selbst schon vollständig erschöpft. Unglücklich erscheint die Balance zwischen Vokal- und Instrumentalstimmen. Den Singstimmen, einem Mezzosopran und sechs Männern, bleibt während des größeren ersten Teiles kaum eine Chance, ihre an sich auf Verständlichkeit angelegten Partien aus dem Orchester, in dessen Mitte sie der Dirigent Michael Gielen postiert hat, hervorzustemmen.

Wirklich spannend wirkt das Stück dort, wo es seine Ausdrucksmittel reduziert, mit wenigen Elementen einen Eindruck von Widersprüchen entwickelt, am Anfang und am Schluss. Zwischendurch trägt eher nur die Botschaft des Textes, denn "Dorthin, wo der Himmel endet" besingt in bewegenden Worten die schmerzhafte Erfahrung in einer Welt der Fremdheit. Die verwendeten Elemente aus asiatischer Musik werden dabei aber so reibungslos als Pathosträger eingesetzt, dass die Komposition selbst zum Thema kulturelle Fremdheit nicht mehr viel mitzuteilen hat.

Seinen Rahmen fand dieses reine Pathos bei Gielens Konzert in zwei Kompositionen von ausgesprochen intellektuell-ironischem Zuschnitt. Dass dabei in Michael Gielens "Pflicht und Neigung" auch die Spielfreude nicht zu kurz kommt, demonstrieren die Musiker des ausgezeichneten SWR-Sinfonieorchesters auf vor allem rhythmisch bravouröse Weise. Ein wirklich Staunen erregendes und vom Publikum gebannt verfolgtes Werk ist aber Mathias Spahlingers "passage / paysage". Aus einem leicht verbogenen Anfangszitat der eröffnenden Akkordschläge der Beethovenschen "Eroica" entwickelt sich ein unendlich phantasievoller und reflektierter Verwandlungsprozess, der mit seinen fünfzig Minuten doch keinen Augenblick zu lang wirkt. Und hätte es nur diese einzige wunderbare Aufführung gegeben, hätte die Biennale ihre Daseinsberechtigung schon gewonnen.

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