Kultur : Musik des Lichts

Eine Sensation: Nächste Woche wird bei Sotheby’s ein Vermeer versteigert – der erste seit 80 Jahren

Matthias Thibaut

Aus dem Sicherheitsraum bei Sotheby’s, der nur mit dem Daumenabdruck Auserwählter geöffnet werden kann, ist sie in die „Wilson Gallery“ verfrachtet worden. Hier hängt das kleine Bild festlich an einer großen Wand. „Junge Frau am Virginal“. Je weiter man zurücktritt, desto klarer fällt das Licht von links auf die blaugraue Wand, über die Arme der Spielerin, ihren gelben Schal, das weiße Seidenkleid. Kein Zweifel, Vermeers Licht, sagen die Experten. Oder doch so viele von ihnen, dass das Bild am kommenden Mittwoch als erster Vermeer seit über 80 Jahren unter den Hammer kommt.

Eine Marktsensation – oder ein Flop? Drei Millionen Pfund sind taxiert. Zu viel für ein Nachahmerwerk, zu wenig für einen echten Vermeer. Denn kein Maler bringt die Seelen der Kunstliebhaber zum Schwingen wie der Meister aus Delft. Nur 36 Werke sind bekannt – das 1990 in Boston gestohlene und verschollene „Konzert“ mitgezählt. Alles Museumsmagneten. Bei der Vermeer-Ausstellung 2001 standen in New York und London die Menschen stundenlang Schlange. Der Vermeer-Film nach Tracy Chevaliers Bestseller „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ ist ein internationaler Kinoschlager (deutscher Kinostart am 23. September). 20 Millionen Pfund wäre ein angemessenerer Preis. Wenn es denn ein Vermeer ist.

Für den Sotheby’s-Experten Gregory Rubinstein, einen stillen Brillenträger mit hohem Haaransatz, begann die Geschichte 1993. Baron Frédéric Rolin aus Brüssel sprach vor und zog die 25 mal 20 Zentimeter große Leinwand aus einer Tasche. Rolin hatte sie 1960 bei Marlborough in London gegen vier Werke von Klee, Bonnard, Signac und Riopelle getauscht. Es war auf den Markt gekommen, weil der führende Vermeer-Experte A. B.Vries das Werk abgeschrieben hatte und der Besitzer, der irische Sammler Alfred Beit, bereits einen über alle Zweifel erhabenen Vermeer besaß – die „Briefschreiberin“. Seit der Meisterfälscher Han van Meegeren zugab, sieben Vermeers gemalt und in Sammlungen in alle Welt verkauft zu haben, wurden Vermeers besonders streng unter die Lupe genommen. Aber Rolin hatte eine Ahnung. „Er war hin- und hergerissen“, erzählt Rubinstein. „Einerseits war er überzeugt, dass es ein Vermeer war. Aber immer wieder zögerte er, das Bild dem letzten Test zu unterziehen“.

Doch Rubinstein war neugierig geworden. Er arrangierte einen Vergleich mit den beiden Vermeers der Londoner Nationalgalerie. Die Restauratoren sahen durch ihre Lupen und riefen „Eindeutig Vermeer!“ Die Kunsthistoriker traten zurück, kniffen die Augen zu und schüttelten den Kopf. „Einer spürte im Urin, dass es kein Vermeer war“, berichtet Rubinstein. Manche Partien waren wunderbar, anderen fehlte der Zauber Vermeers.

Rubinstein wollte mehr wissen. 1995 begann eine langwierige bildtechnische Analyse durch Experten der Londoner Universität. Die Pigmente, die Verwendung von Ultramarin aus dem teueren Lapislazuli, das Bleizinngelb im Schal sprachen für ein Bild aus der Zeit Vermeers. Eine späte Fälschung war ausgeschlossen. Für Vermeer sprach die grobe Leinwand, die Grundierung, das Format, das mit der „Spitzenklöpplerin“ im Louvre übereinstimmt. Das Nadelloch, von dem aus Vermeer die Perspektivlinien zog, war mit bloßem Auge zu erkennen. Man hätte das Bild einem Schüler oder Vermeers Studio zuschreiben können – hätte der Einzelgänger aus Delft Schüler oder ein Studio gehabt. Wenn es kein Vermeer war, dann das Bild eines neuen Malers, den wir noch gar nicht kannten. Die Restauratoren waren sicher. Aber wie die Kunsthistoriker überzeugen?

Die Kunstwelt war nun so neugierig, dass der New Yorker Museumsmann Walter Liedtke das Bild in 2000 „ex catalogue“ für seine Vermeer-Ausstellung anforderte. „Rolin war unschlüssig. Wir erwarteten eine Menge Kritik und es gab tatsächlich viele negative Meinungen“, erinnert sich Rubinstein. Die untere Falte des gelben Schals, so das Urteil der Connaisseure, war eben doch wie eine Wurst gemalt.

Auch der schlechte Zustand des Bildes wirkte sich negativ auf die Beurteilung aus. Und so kam es zum letzten Schritt. Meisterrestaurator Martin Bijl, ehemals im Rijksmuseum, Amsterdam, entfernte Schmutz und alle bei den Laboruntersuchungen identifizierten späteren Zutaten. Ein achtköpfiges Expertengremium diskutierte jede Phase dieser Freilegungsarbeit. Eineinhalb Jahre und sechs Komiteesitzungen später, im Oktober 2003, kam der große Moment. Die Reinigung und ein paar mikroskopische Restaurationen bewirkten, dass sich die Spinettspielerin optisch von der Wand löste, das Bild gewann Raum und Freiheit und sah plötzlich aus wie von Vermeer. Still, lebensnah und doch entrückt. „Auch der letzte Skeptiker im Komitee konnte nicht widerstehen“, erinnert sich Rubinstein. Gemeint war der Direktor des Mauritshuis in Den Haag, Frits Duparc, der täglich die besten Vermeers vor Augen hat und am schwersten zu überzeugen war.

Auch Rubinstein weiß, dass es bessere Vermeers gibt. Aber auch bei der „Spinettspielerin“ der Londoner Nationalgalerie sind die Gewandfalten ein bisschen wurstig gemalt. Niemand in der Kunstwelt hat ernste Zweifel an Sotheby’s Zuschreibung – auch wenn manche Experten mit ihrer Meinung zurückhalten. Am Mittwochabend, Viertel nach sieben, entscheidet der Markt. Wenn alles vorbei ist, wird sich Rubinstein die DVD mit dem „Mädchen mit dem Perlenohrring“ kaufen, weil er den Film in der Aufregung verpasst hat, und sich einen gemütlichen Abend mit Vermeer machen.

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