Kultur : Musik des Zufalls

SOLISTEN

Christian Kässer

Eine Dame ist kein Weib, eine Karaffe keine Pulle, Exaktheit nicht Kleinkariertheit. Und für den Kammermusikabend, den Solisten des BSO am Freitagabend im Kleinen Saal des Schauspielhauses gestalteten, gilt, dass Eklektizismus etwas anderes ist als Patchwork. Mit Ersterem als kompositorischem Prinzip wurde das Publikum vor der Pause konfrontiert, als Krzysztof Pendereckis fast brandneues Sextett für Klarinette, Horn, Klavier und Streichtrio erklang: Zigeunerrhythmen à la Bela Bartok, Mahlersches Changieren zwischen Eruption und Süßlichkeit, das mit seriell strukturierten Partien wechselte, oder die Tritonus-Spannung As-D, unter der, Brittens War Requiem imitierend, der ganze erste Satz steht. Dass ein so kompliziertes – und auch technisch anspruchsvolles – Stück sich so gut verstehen lässt, war eine bemerkenswerte Interpretationsleistung des sehr sorgfältig agierenden Ensembles. Dass aber im zweiten Teil der Pause diese Qualität durch interpretatorisches Patchwork ersetzt wurde, war weniger erfreulich. Es ist schon nicht ganz klar, warum die Solobratsche Schumanns Märchenbilder mit gar so quietschbunten Farben zeichnete, deren Intensität zudem nicht immer mit dem Klavier abgestimmt war. Vollständig begann der Zufall aber in Schumanns Klavierquartett zu herrschen: Ungelenk stakst die langsame Einleitung daher, und dem Beginn des letzten Satzes ist die Wirkung genommen, weil er durch eine ungebührlich lange Hust- und Stimmpause verzögert wird. Jedoch: So wie im Angesicht einer Dame ein Weib verblasst, so dominiert am Ende doch der Eindruck, den Pendereckis eklektizistisches Werk macht.

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