Kultur : Musik des Zufalls

Zum 85. Geburtstag des amerikanischen Tanzrevolutionärs Merce Cunningham

Sandra Luzina

Es war John Cage, der die bahnbrechende Ästhetik seines Freundes und künstlerischen Mitstreiters Merce Cunningham auf den Punkt brachte. Er habe, schrieb Cage, seine eigene Schule des Tanzens und Choreografierens entwickelt: „Wie in der abstrakten Malerei wird vorausgesetzt, dass ein Element (eine Bewegung, ein Klang, ein Wechsel des Lichts) in sich expressiv ist; was es kommuniziert, ist größtenteils bestimmt vom Betrachter selbst.“

Die Revolutionierung der Tanzkunst: Merce Cunningham ist nicht allein der größte lebende Choreograf, sondern längst auch der Übervater des zeitgenössischen Tanzes. An die 200 Choreografien umfasst seine Werkliste. Was er in seiner mehr als 60-jährigen Laufbahn alles in Bewegung setzte und an neuen Tendenzen initiiert hat, erfüllt einen mit ehrfürchtiger Bewunderung.

Seine Karriere begann der 1919 in Centralia, einem kleinen Ort im US-Bundesstaat Washington geborene Künstler als Tänzer bei der Martha Graham Dance Company. Doch bald schon machte er sich daran, den Tanz von der altmodischen Ausdrucksästhetik zu befreien. Einsteins Satz „Es gibt keine Fixpunkte im Raum“ übertrug Cunningham auf die Bühne. „Wo immer du bist, ist das Zentrum, und ebenso dort, wo alle anderen sind. Das ist ein zutiefst buddhistischer Gedanke,“ erläutert er seine wegweisende Erkenntnis.

Nicht nur die Zentralperspektive war damit abgeschafft, Cunningham hat auch jede Form der Hierarchie aufgehoben. Musik, Tanz und Ausstattung werden bei ihm unabhängig erarbeitet und erst bei der Premiere zusammengefügt. Keine künstlerische Revolution hat Cunningham seit den Fünfzigerjahren ausgelassen, und bis heute ist seine Lust auf Experiment und Erneuerung ungebrochen. So begann er 1991 als erster, Tanzstücke am Computer zu entwerfen. Seit 1997 experimentiert er mit „Motion Capture“, einem eigentlich für den Sport entwickelten Verfahren, mit dem sich Bewegungen auf der Bühne digital erfassen lassen.

Bis vor wenigen Jahren ist Merce Cunningham noch selbst aufgetreten. Dann kam er kurz hereingeweht, um einen Tanz der Hände zu vollführen und die Bühne mit seiner heiteren Präsenz zu erfüllen. Das Tanzen hört nie auf, will diese Geste demonstrieren: Sein arthritischer Körper ist gebrechlich, aber sein Geist wach und beweglich.

Wenn er sein jüngstes Werk „Split Sides“, 2003 in New York zum 50. Geburtstag seiner Company uraufgeführt, vorstellt, weiht er das Publikum höchstpersönlich in das von ihm favorisierte und von Cage entwickelte Zufallsverfahren ein. Der Würfel entscheidet, ob zunächst Choreografie A oder B, Musik von Radiohead oder Sigur Rós und welches der beiden Bühnenbilder, Kostümentwürfe oder Beleuchtungspläne zum Einsatz kommen.

Sein Faible für chance operations erklärt sich aus seiner geistigen Offenheit. „Diese Art zu denken, gefällt mir“, sagte er 2002 im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Ich versuche es immer und überall anzuwenden. Ich treffe nicht gern Entscheidungen. Also werfe ich eine Münze. Wenn du das akzeptierst, was herauskommt, ist das immer befreiend. Vielleicht siehst du dich mit etwas völlig Unbekanntem konfrontiert, aber das bietet dir die Chance, etwas Neues herauszufinden.“ Take a chance – dieser Maxime ist Merce Cunningham treu geblieben, bis heute, seinem 85. Geburtstag.

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