Musik : Die Exorzisten

Rockmusik, metaphysisch: Diesen Freitag erscheint mit "The Bedlam in Goliath" das vierte Album von Mars Volta. Mehr Komplexität ist kaum denkbar, eine Steigerung ausgeschlossen.

Jörg W,er
Mars Volta
Missionarischer Eifer: Omar Rodriguez-Lopez (li.) und Cedric Bixler Zavala. -Foto: Promo

BerlinEigentlich dürfte es diese Musik gar nicht geben. Seit 1977 ist Schluss mit dem Geschwurbel: seit Punk die Klangexzesse des in barocker Selbstgefälligkeit erstarrten sogenannten „Progressive Rock“ ziemlich rückständig aussehen ließ mit seiner neuen Unmittelbarkeit. Glaubte man zumindest. Aber zwei Jahrzehnte später tauchte aus El Paso, Texas, plötzlich eine Band des erweiterten Punk-Spektrums auf, die bei aller Geschwindigkeit und Härte auf Muster des untergegangenen Genres zurückgriff. Trotz des bevorstehenden Durchbruchs trennten sich die Mitglieder von At The Drive-In 2001 und verteilten sich auf zwei Nachfolgebands: Sparta bleiben als Erben zu brav. Von anderem Kaliber sind The Mars Volta.

Die personell unstete Formation um Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez und Sänger Cedric Bixler Zavala spielt mit missionarischem Eifer eine Musik, wie man sie lange nicht mehr in dieser Reinform gehört hat. Mars Volta ist die archetypische Progressive-Rock-Band des 21. Jahrhunderts: die Aufsprengung des Songformats durch überlange, suitenartige Stücke, ausufernde Improvisationen, die vor allem den Anspruch an Virtuosität erfüllen, ein um Mellotrone, Saxofone und exotische Percussion erweitertes Instrumentarium und ambitionierte Konzeptalben mit versponnenen Themen. Das Ergebnis ist anstrengende, nervenaufreibende Kunstmusik, zum Nebenbeihören ungeeignet. Auf der Bühne gerieren sich Rodriguez- Lopez und Bixler Zavala als unnahbare Superdiven, die mit theatralischem Gestus den um sie herum losbrechenden Klangorkan dirigieren.

Diesen Freitag erscheint mit „The Bedlam in Goliath“ das vierte Album von Mars Volta. Es knüpft nahtlos ans bisherige Œuvre an. Die durchschnittliche Länge der zwölf Songs beträgt über sechs Minuten, was dem Mittelwert entspricht: halbstündige Song-Ungetüme wie „Cassandra Gemini“ von der zweiten Platte „Frances The Mute“ findet man nicht mehr. Dafür ist der Wille zur Verdichtung spürbar, der sich vom brachialen Opener „Aberinkula“ mit seinem unaufhörlich zuckenden Gitarrengewitter, überblasenen Saxofonen und Bixlers Mickymaus-Gekreische bis zur zentrifugalen Kakofonie von „Conjugal Burns“ durch das Album zieht. Die irrwitzige Gitarrenarbeit teilt sich Omar Rodriguez-Lopez mit einem treuen Fan: John Frusciante, hauptberuflich Saitenquäler der Red Hot Chili Peppers, hat bislang bei jedem Album seiner texanischen Kumpels ausgeholfen. Manches Stück könnte man sich denn auch als Peppers-Song denken – beschleunigt, komprimiert und zerstückelt.

Warum soll man sich das anhören? Was macht eine Musik interessant, deren Urform sich auf dem 1969 erschienenen Debütalbum von King Crimson findet, wo „21st Century Schizoid Man“ als tobender Free-Rock bis heute wie Zukunftsmusik klingt? Es ist das Abenteuer, das hinter jedem Break, hinter jeder Tempoverschärfung, hinter jedem atonalen Sturz ins Bodenlose lauert. Mars Volta gehen den von King Crimson eingeschlagenen Weg bis zum point of no return weiter. Mehr Komplexität ist kaum denkbar, eine Steigerung ausgeschlossen.

Die Kraftquellen dieser Klangwelt sind von jeher unergründlich. Auch The Mars Volta unterlegen ihr Albumkonzept mit einer gruselig-okkulten Fama: Angeblich habe Omar Rodriguez-Lopez für Bixler Zavala auf einem orientalischen Basar ein Ouija-Brett erstanden, in dem der Geist eines verstorbenen Mörders, des titelgebenden „Goliath“, gefangen gewesen sei. Durch argloses Hantieren freigesetzt, habe dieser die Arbeit an der Platte nach Kräften sabotiert. Das Album als praktizierte Dämonenaustreibung? Man könnte es auch einfacher sagen. Kunst kann ganz schön nervenaufreibend sein.

Natürlich verdankt sich der metaphysische Kunstrock von Mars Volta nicht allein der hermetischen Gedankenwelt seiner Protagonisten. Progrock war nie gänzlich verschwunden. Zwar wechselten Bands wie Yes und Genesis unter dem Eindruck des Punk-Schocks zu chartstauglichen Songformaten. Andere machten stur weiter. Pink Floyd brachten zwei Jahre nach Punk mit „The Wall“ das erfolgreichste Konzeptalbum aller Zeiten heraus. Willfährige Epigonen wie Marillion hielten in den achtziger Jahren das Bombast-Fähnlein hoch, ehe eine Gruppe wie Metallica das „Progressive“ im Heavy Metal etablierten. Für die endgültige Befreiung des Flaschengeists sorgte „OK Computer“, Radioheads Meisterwerk von 1997, so dass die jüngste Progrock-Renaissance sympathisch-abseitige Wirrkopfbands wie Sigur Rós aus Island, Godspeed You Black Emperor oder Porcupine Tree hervorbringt.

Den atmosphärischen Gegenpol zum Höllenfeuer von Mars Volta bilden dabei die halluzinogenen Klangschöpfungen der Flaming Lips. Deren „At War with the Mystics“-Album ist ein genial irrlichterndes Kompendium diverser Progrock-Schulen der Siebziger. Dass diese beiden Extreme zeitgenössischer Popmusik, Mars Voltas Komprimierungsexzesse und der Referenzirrsinn der Flaming Lips, mit beachtlichem Chart-Erfolg belohnt werden, sollte Kulturpessimisten hoffnungsvoll stimmen. Im frühen 21. Jahrhundert darf es wieder Rockmusik geben, die maßlos übertrieben, großartig anmaßend und rührend weltfremd ist.

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