Kultur : Musik-Erkenntnis

Am 11. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis dahin zitieren wir täglich Theodor W. Adorno

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Durch Kunstfeindschaft nähert das Kunstwerk sich der Erkenntnis. Um diese kreist Schönbergs Musik von Anbeginn, und daran haben von je alle sich mehr gestoßen als an der Dissonanz: daher das Gezeter über Intellektualismus. Das geschlossene Kunstwerk erkannte nicht, sondern ließ in sich Erkenntnis verschwinden. Es machte sich zum Gegenstand bloßer „Anschauung“ und verhüllte alle die Brüche, durch welche Denken der unmittelbaren Gegebenheit des ästhetischen Objekts entweichen könnte. Damit begab das traditionelle Kunstwerk selber sich des Denkens, der verbindlichen Beziehung auf das, was es selber nicht ist. Es war „blind“ so wie Kants Lehre zufolge die begriffslose Anschauung. Dass es anschaulich sein soll, täuscht bereits die Überwindung des Bruches von Subjekt und Objekt vor, in deren Artikulation die Erkenntnis besteht: die Anschaulichkeit der Kunst selber ist ihr Schein. Erst das zerrüttete Kunstwerk gibt mit seiner Geschlossenheit die Anschaulichkeit preis und den Schein mit dieser. Es ist als Gegenstand des Denkens gesetzt und hat am Denken selber Anteil: Es wird zum Mittel des Subjekts, dessen Intentionen es trägt und festhält, während im geschlossenen das Subjekt der Intention nach untertaucht.

Aus:Philosophie der neuen Musik. 1949/1966. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hg: Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan BuckMorss und Klaus Schultz. Suhrkamp, Frankfurt/M, 1997. Band 12

WAS ADORNO SAGT

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