Musik : Felix darf sich glücklich schätzen

Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester feiern Felix Mendelssohn Bartholdy. Im Jubiläumsjahr entwerfen sie bei der "Italienischen" und im "Paulus" großformatige Tongemälde.

Frederik Hanssen

Bevor die Klassik-Gemeinde in diesem Multijubeljahr endgültig zu Georg Friedrich Händel (250. Todestag am 14. April) und Joseph Haydn (200. Todestag am 31. Mai) weiterhetzt, haben Marek Janowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin jetzt noch einmal Felix Mendelssohn Bartholdy hochleben lassen, mit zwei glanzvollen Konzerten nachträglich zum 200. Geburtstag (am 3. Februar). Was am Dienstag mit dem Violinkonzert, der „Italienischen“ sowie der „Ruy Blas“-Ouvertüre auf dem Papier wie ein Evergreen-Programm aussieht, entpuppt sich in der restlos ausverkauften Philharmonie als höchst spannende Angelegenheit: Denn Janowski hat ganz genau in die altbekannten Partituren geschaut und dabei eine sehr persönliche Lesart der drei Werke entwickelt.

Das Vorspiel zu Victor Hugos spanischer Komödie beispielsweise lässt er nicht als hübsche Petitesse durchgehen, sondern gibt dem heiteren Hauptthema durch scharfe Kontur und rasantes Tempo eine echte dramatische Dringlichkeit. Auch im Violinkonzert bleibt kein Detail unbeachtet. Janowski fordert vom Orchester höchste Aufmerksamkeit bis in die scheinbar unbedeutendste Nebenstimme hinein – und seine Musiker zeigen absolute Weltklasse: Hellwach und präzise entfaltet sich da ein in jedem Wortsinn aufgeklärtes Klangbild, dessen rhetorische Prägnanz immer wieder das introvertierte Spiel der Solistin Isabelle Faust in den Schatten stellt.

Auch die vierte Sinfonie erstrahlt anschließend im hellen Licht des Nordens. Der Dirigent verbannt hier bewusst alles Südlich-Sonnige, um aufzeigen zu können, wie stark auch dieses „italienische“ Stück geprägt ist von den zwei großen Konstanten in Mendelssohns Denken: dem Protestantismus und der Musik Johann Sebastian Bachs. Wie Marek Janowski im Eröffnungssatz die Trompeten als himmlische Fanfaren heraushebt, wie sorgfältig er hier die fugierte Passage und im Andante den „laufenden“ Bass als Stilmittel barocker Tonsatz-Rhetorik zeigt, wie er im langsamen Satz außerdem die strenge, in den Holzbläsern vorgestellte Melodie als choralartiges Lamento deutet, das alles lässt vor dem inneren Auge viel eher die weiß gekalkten Kirchen der norddeutschen Backsteingotik aufscheinen als blühende Zitronenhaine.

Einem ganz anderen Mendelssohn begegnen die Zuhörer dann zwei Tage später, wiederum in der Philharmonie, mit dem Oratorium „Paulus“: Weich und romantisch bleibt nun der Sound des Rundfunk-Sinfonieorchesters selbst da, wo der Komponist an Modelle der alten Musik von Händel oder Bach anknüpft. In zarten Pastellfarben und mit feinem Sinn für dramatische Effekte entwirft Marek Janowski ein großformatiges Tongemälde, so wie es Mendelssohns Zeitgenossen von der Malerschule der Nazarener gefallen hätte. Es wird ein ästhetisch dem ersten diametral entgegengesetzter, aber auf seine altmodische Weise doch ebenso erhebender Abend.

Protagonist im „Paulus“ ist der Chor. Bei der Uraufführung 1836 waren 356 Sänger beteiligt – der Rundfunkchor Berlin kommt am Donnerstag mit einem Fünftel der Besetzungsstärke aus. Die Profis sind von Johannes Prinz prächtig vorbereitet, geben den getragenen Passagen Goldglanz und dem Jubel prangende Pracht – eine phänomenale Leistung. Sunhae Im wirkt mit ihrem schwerelosen Sopran wie ein Erzengel in gleißender Silberrüstung, Detlef Roth wandelt sich ebenso klangschön wie nachvollziehbar vom Saulus zum Paulus.

Die Souveränität, mit der Janowski alle Fäden in der Hand hält, schöpfergleich das Mammutwerk zelebriert, der Musik Atem einhaucht, macht Vorfreude auf seinen Wagner-Zyklus. Ab 2010 will er alle wichtigen Musikdramen des Bayreuthers mit dem RSB aufführen, ohne szenische Zurichtungen natürlich, ganz pur in konzertanter Form. Getreu seinem Credo: Das Wesentliche ist die Musik.

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