Musik für alle : Ist Klassik die neue Leitkultur?

Die letzte Oase des Wohlklangs – oder grenzenloses Pop-Phänomen. Klassische Musik erfährt derzeit eine Renaissance, auch beim jügeren Publikum. Das Internet und andere technische Errungenschaften sorgen für ihre schnelle Verbreitung. Aber ist das wirklich eine Chance oder eine Entwertung? Ein Disput zwischen Frederik Hanssen und Christiane Peitz.

Klassik Foto: Barbara Braun/Drama
Spielplatz der Musikgeschichte: Szene aus Telemanns oper "Der geduldige Sokrates". -Foto: Barbara Braun/Drama

Frederik Hanssen:



Es ist diese Aura der Unverwundbarkeit. Während viele Menschen derzeit am Theater verzweifeln, weil auf der Bühne oft etwas ganz anderes passiert, als der Programmzettel anzukündigen schien, erkennt man im Konzertsaal die Klassiker der Klassik garantiert wieder. Schauspiel, das bedeutete heute allzu oft: Dekonstruktion, manchmal gar willkürliche Destruktion, gepaart mit Zynismus oder einem tiefen Misstrauen den Sujets, Charakteren, Konfliktkonstellationen der Stücke gegenüber. Regisseure, die so denken, fassen ihre Geisteshaltung in dem Satz zusammen: Alles ist Pop.

Ist es natürlich nicht. Denn es gibt ja auch noch die andere Musik, die sogenannte „ernste“, verkürzt „Klassik“ genannt, obwohl damit der musikgeschichtliche Abschnitt gemeint ist, der sich vom Barock über Mozart zur Romantik und dann weiter bis kurz vor Arnold Schönberg erstreckt. Alles, was sich an die Grammatik mitteleuropäischer Klangsprache hält, die vom Spannungsverhältnis zwischen „richtigen“ und „falschen“ Harmonien lebt, und den Hörer am Ende stets mit der Rückkehr zur Tonika belohnt, bildet in unserer immer schneller zersplitternden Welt eine Oase der Verlässlichkeit. Beethoven klingt immer wie Beethoven. Mal schneller, mal langsamer, mal lauter, mal leiser – aber niemals wie Pop.

Kein Wunder, dass die klassische Musik zur Leitkultur der neuen bundesrepublikanischen Bürgerlichkeit geworden ist. Von allen Kunstgattungen kann sie allein die Sehnsucht nach dem Guten, Wahren, Schönen noch erfüllen. Im Konzertsaal findet das von Stückezertrümmerern und Konzeptkünstlern heimgesuchte Publikum eine Zufluchtsstätte: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. „Das Theater hat seine ureigene Qualität – die Verfertigung von Kunst im Angesicht des Publikums – in den letzten Jahren verschleiert“, konstatierte Peter Kümmel jüngst in der „Zeit“. Musiker dagegen lassen ihre Zuhörer auf ungebrochene Weise am Prozess der Nachschöpfung teilhaben, wenn sie papierenes Notenmaterial zu klingendem Leben erwecken. Kunst, die aus nichts anderem besteht als bewegter Luft – das fasziniert. Eine ganze Generation, die mit Bob Dylan aufgewachsen ist, entdeckt derzeit die Liebe zur Klassik; die in den letzten Jahren geradezu explodierte Jugendarbeit aller Institutionen sorgt dafür, dass parallel die Enkel ihre eigene musische Kreativität entfalten. Nie war Klassik populärer.

Das Gefühl, die Partituren des klassischen Kanons stünden unter Denkmalschutz, ihnen könne im Gegensatz zur Bühnenliteratur gar nichts passieren, beruht natürlich auf einem Missverständnis: Was die Künstler mit den Werken anstellen, hört der normale Besucher oft gar nicht. Interpretation findet bei der E-Musik im Millimeterbereich statt, es geht um Nuancen, um kaum merkliche Verschiebungen in der sinfonischen Plattentektonik, um gedankliche Haltungen, mit denen ein Stück angegangen wird. Das Tolle daran ist: Um Klassik genießen zu können, braucht man kein Kenner zu sein. Die meisten Menschen nutzen sie darum vor allem als Katalysator: um eigenen Gefühlen freien Lauf zu gewähren. Umtost von einer Bruckner’schen Sinfonie, erhoben von einem Händel’schen Oratorium lassen sie ihre Gedanken fliegen, schweifen ab in alltagsferne Gefilde. Das tut gut, darum wird Musik als Seelenbalsam empfunden. Hier gibt es keine ästhetischen Zumutungen, hier herrscht einfach nur der pure Wohlklang.

Eine verwundbare Stelle, Lindenblatt am Rücken, hat natürlich auch der Siegfried unter den Kunstgattungen, die im Drachenblutbad gestählte Klassik: das Musiktheater. Noch wagen die Regisseure nicht, Opern auseinanderzunehmen, Szenen nach Belieben zu streichen. Doch sie katapultieren die Stücke in die Gegenwart, die guten Regisseure, indem sie die Überzeitlichkeit der Konflikte offenlegen, die schlechten nur durch eine Optik, die Heutigkeit behauptet. Im Schauspiel, wo alle Tabus gebrochen worden sind, lassen die Zuschauer längst alles widerstandslos über sich ergehen. In der Oper dagegen entsteht sofort Fußballstadien-Atmosphäre, wenn einer provoziert: Da wagen Menschen, die sich auf der Straße niemals so verhalten würden, Zwischenrufe, tumultartige Szenen folgen, Wortgefechte zwischen Rang und Parkett, schlussendlich schlägt ein Buh- Gewitter über dem Regie-Team zusammen. Der Dirigent und seine Sänger dagegen werden gefeiert – weil sie im Auge des Betrachters ja nichts können für die szenische Zurichtung.

Klassik hat sich zum Hort der enthemmten Emotion entwickelt. Im Idealfall, bei diesen großen, unvergesslichen Abenden, geraten die Hörer in einen regelrechten Glücksrausch. Nach Beethovens Fünfter vor zwei Wochen mit Simon Rattle und seinen Berliner Philharmonikern rief eine Besucherin in den aufbrandenden Applaus hinein: „Da sage noch einer, dass Klassik nicht rockt!“

Christiane Peitz:

Wagners „Tristan“, fünfeinhalb Stunden für 23 Euro, live aus der New Yorker Met ins Berliner Kino International gebeamt: Oper im Kino kommt gerade in Mode. Das Kino in der Oper ist schon länger en vogue. Zurzeit flackert schwarzweiße Videokunst über die Bühne der Schlingensief-Inszenierung von „Jeanne d’Arc“ an der Deutschen Oper. Und die Sänger praktizieren action painting.

Hier spielt die Kunst, hier geh’ ich fremd. Olafur Eliasson baut eine Installation für die Staatsoper, Architekten wie Daniel Libeskind entwerfen Bühnenbilder, Filmemacher und Theaterregisseure inszenieren Opern, Schauspieler führen Kinoregie, Schriftsteller spielen Fußball, der Komiker Dario Fo erhält den Literaturnobelpreis und die Rocklegende Bob Dylan den Pulitzer-Preis.

Früher nannte man es Crossover. Heute mischt sich noch viel mehr. Selbstverständlich ist die Klassik längst Pop. Dass Operndiven und Klaviervirtuosen angehimmelt und vermarktet werden, gilt spätestens seit dem 18. Jahrhundert. Der Oper, dem aufwendigsten aller Klassikspektakel, ist naturgemäß alles recht, womit sich Aufmerksamkeit erregen lässt – sei es durch Erhöhung des PromiFaktors oder andere Knalleffekte. Aber auch der Pop ist längst klassisch geworden. Die Rockrevolution ist in den Mainstream gemündet, 40 Jahre nach ’68 ein Allgemeinplatz. U und E, wie das mal hieß: Beide spielen gern in der eigenen Geschichtsrumpelkammer.

Leitkultur? Leidkultur! Kunst ist ein Ritual, das wie andere kultische Handlungen im Kern um etwas Unheiliges, Unzivilisiertes kreist. Die Musik entstammt dem Schrei, dem Schmerz, dem Eros. Das Drama und die Dichtkunst haben ihren Ursprung im Kriegsbericht, die Malerei kommt aus der Höhle, das Kino war ein Jahrmarktsvergnügen. Mit Reinheitsgeboten kommt man da nicht weit, auch wenn sich die Künste seit ihren schmuddeligen Anfängen bemühen, den ihnen anhaftenden Schmutz abzustreifen. Gute Kunst weiß: Sie wird ihn nicht los.

Vielleicht befriedigt die wechselseitige Anreicherung der Genres ja nicht nur die alte Sehnsucht der Menschen nach Überschreitung, Überwältigung und Pathos, sprich: nach Gesamtkunstwerken. Vielleicht hat die Popularisierung der Klassik auch mit der digitalen Revolution zu tun. Sie hat die Informationen in Fluss gebracht und die Welt in ein globales Dorf verwandelt, im gleichen Maß entgrenzt sie die Künste. Die Musik ist nicht mehr an den Tonträger gebunden, der Film spielt auf dem Laptop und dem iPod genauso wie im Kino, die Oper geht Open Air, und die Literatur ist nicht mehr nur das Papier zwischen zwei Buchdeckeln wert: Elfriede Jelinek hat ihren jüngsten Roman gerade im Internet vollendet.

Die Kultur verlässt ihre angestammten Plätze und beginnt, sich freier im öffentlichen Raum zu bewegen. Museen verwandeln sich dank MoMA-Schlange in Happenings, Kinos werden zu Eventschauplätzen. Das Public Viewing demokratisiert die Hochkultur und entkoppelt sie von der guten alten Klassenfrage. Rhythm is it, bitte für alle. Alles ist nah, alles ist da, man glaubt es zumindest. Entwertet das die Klassik? Oder baut es Hemmschwellen ab vor den hehren Pforten der Kunsttempel und macht Lust auf Entdeckungsreisen? Wer bei iTunes Musik downloadet, kann sich schneller vom Pop zur Klassik klicken, als er je im Plattenladen die Abteilungen zu wechseln vermochte.

Vieles bleibt trotzdem außen vor. Neue Musik wird wohl immer ein Minderheitenprogramm bleiben, und die Popularisierung der Klassik funktioniert nur, wenn die Sängerin sexy ist und der Virtuose namens Lang Lang oder David Garrett Teenieschwarm-Potenzial hat. Die Popklassik bevorzugt das Kulinarische, Wohlklingende, Gefällige. Aber die neue Offenheit erschöpft sich nicht darin, sie weckt andere Neugierden.

Zarte Indizien: Während der Ostertage waren nicht nur die traditionellen Klassikprogramme der Staatsoper ausverkauft, auch bei den eher sperrigen Bach/Messiaen-Konzerten des DSO mit Ingo Metzmacher gab es lange Schlangen vor der Abendkasse. Als wär’s ein Kinobesuch: Hunderte entschieden sich kurzfristig für die aufregende Zumutung einer Messiaen-Komposition. Dass Simon Rattle seinem Beethoven-Zyklus allabendlich ein Stück von Anton Webern hinzufügte, hätten viele noch vor kurzem als lästige atonale Anstrengung empfunden. Inzwischen lauscht man Webern so konzentriert und ergriffen, als sei’s die pure Harmonie. Und bei „Jeanne d’Arc“ sitzt die heimatlos gewordene Klientel der Volksbühne einträchtig neben dem Charlottenburger Abo-Publikum in der Oper an der Bismarckstraße.

Alles fließt. Ein Phänomen, eine Chance. Man kann sie auch verspielen.

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