Musik für Laien und Liebhaber : Klassik - Akt für Akt

Klassische Musik hat den Ruf, spießig zu sein. Ein Fehler, aber was tun? Wie ein Salon der UdK das Hören lehrt.

Karin Erichsen
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Gesangsstunde. In diesem Semester analysierten die Kursteilnehmer Mozarts "Hochzeit des Figaro". Hier eine Szene mit Maria...Foto: Monika Rittershaus

Mit klassischer Musik habe er früher absolut nichts am Hut gehabt, erzählt Frank Fischer und schüttelt noch im Nachhinein energisch den inzwischen angegrauten Kopf. Der Mann ist Agraringenieur. Auf seine Kleidung gibt er nicht viel, trägt auch heute einen alten, weiten Pullover zur Jeans. Unter seinen Freunden und Bekannten sei es verpönt gewesen, sich mit dieser Art von Hochkultur überhaupt zu beschäftigen. Ihr haftete einfach der Beigeschmack spießiger Bürgerlichkeit an. In der Runde nickt es zustimmend. Jeden Mittwochabend trifft sich eine etwa zehn- bis fünfzehnköpfige Gruppe in der Berliner Universität der Künste zu einer Art Klassik-Salon. Viele hier haben in ihrer Jugend ähnlich gedacht. Inzwischen stehen die meisten am Ende ihres Berufslebens und sehen die Sache anders. Mit Ende fünfzig empfinden sie ihre geringen Kenntnisse auf dem Gebiet der Klassik als echte Wissenslücke.

Am Anfang hat es die ehemalige Bühnenbildnerin Barbara Kolodziej-Pflüger eine ziemliche Überwindung gekostet, den Schritt ins Seminar zu wagen: Angst sich zu blamieren, ja, die hatte sie schon. Mittlerweile gehört die zurückhaltende Frau zum „festen Kern“ der kostenlosen Veranstaltungsreihe „Musik für Laien und Liebhaber“, zu der Christoph Richter bereits im dritten Semester einlädt.

Sein ganzes Leben hat der emeritierte Professor in den Dienst der Musikvermittlung gestellt. Zunächst als Musiklehrer am Gymnasium, später als Koordinator für die Ausbildung von Musikpädagogen an den Musikhochschulen von Lübeck, Wien und Berlin. Nun, im Ruhestand, gibt der Privatdozent die Zeitschrift „Diskussion Musikpädagogik“ heraus und arbeitet an einem Musiklehrbuch für Erwachsene. „Wer sich im fortgeschrittenen Alter entschließt, noch einmal etwas zu lernen, der nimmt die Dinge viel intensiver und konzentrierter wahr“, so Richters Beobachtung. Was der Wissenschaftler vermeidet, sind Fachausdrücke und analytische Betrachtungen. Sein Konzept ist einfach: Hören und Zuhören.

Im laufenden Semester geht es um Oper. Nachdem die Kursteilnehmer etwas über die historische Entwicklung der Gattung von Monteverdi über Lully, Händel und Gluck bis zu Wagner und Richard Strauss erfahren haben, nachdem sie die unterschiedlichen (nationalen) Typen kennen gelernt und den grundsätzlichen Aufbau des Musiktheaters verstanden haben, widmet sich Richter wie mikroskopisch einem einzigen Werk: Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“. Pro Sitzung steht ein Akt des musikalisch raffinierten und inhaltlich recht unübersichtlichen Werks auf dem Lehrplan.

Zunächst stellt Richter die Rollen vor und entwirrt die Handlungsstränge. Dann macht er auf rhythmische Besonderheiten und wiederkehrende Melodien und Motive in einzelnen Stimmgruppen aufmerksam. Gerne spielt er alles gleich am Flügel vor, denn mit Noten können die Wenigsten etwas anfangen. Aber das macht nichts. Hier wird nicht gedöst oder geschwatzt wie so oft in studentischen Abendseminaren. Der Professor wird mit Fragen gelöchert, Notizen werden gemacht, und die verteilten Handzettel sind sehr begehrt.

Nach dem Hören kommt das Sehen, auf DVD. Schließlich ist Oper nicht nur Musik, sondern vor allem Theater. Immer wieder weist Richter beim gemeinsamen Schauen auf Tempo, Rhythmus und Dynamik hin und darauf, wie das Orchester im Graben das Bühnengeschehen ironisch kommentiert. Dass es für Ungeübte schwierig ist, komplex zu hören und einzelnen Stimmgruppen zu folgen, ist Richter bewusst. Genau dazu will er seine Schüler ermutigen. Mit Erfolg: Die TanzTherapeutin Jutta Wehnelt, die regelmäßig seine Veranstaltungen besucht, kann sich inzwischen aussuchen, ob sie Musik einfach nur genießen oder im Kopf analytisch zerlegen will.

Am Ende steht der Betriebsausflug: zur Wiederaufnahme von Barrie Koskys „Figaro“-Inszenierung am kommenden Sonntag in die Komische Oper. Die Gruppe nahm an einer Probe teil, Dramaturg Werner Hintze war im Seminar zu Gast, um die Ideen der Inszenierung und der musikalischen Fassung zu erläutern. Die Eintrittskarten bekommen die Kursteilnehmer zu Sonderkonditionen, auch die Komische Oper möchte Projekte wie diese unterstützen. „Der Musikunterricht spielt an den Schulen kaum noch eine Rolle, die Menschen wissen immer weniger über Musik, da ist es für Opern- und Konzerthäuser überlebenswichtig, selbst pädagogisch tätig zu werden“, so Richter.

Bislang haben die meisten Institutionen ihr Augenmerk auf Projekte mit Kindern und Jugendlichen gelegt, das Potenzial der Musikvermittlung für Erwachsene wird stark unterschätzt. Schlüssige Konzepte dafür gibt es kaum. Wer aber die Einführungsveranstaltungen zu Opern und Konzerten besucht, begreift, wie groß der Bedarf ist. Viele Menschen, von denen der Druck des Arbeitsalltags abfällt, wollen sich Hintergründe zu Idee und Aufbau eines Werkes erarbeiten. Das macht Christoph Richter zu einem Vorreiter. Im kommenden Sommersemester widmet er sich der Kammermusik.

„Musik für Laien und Liebhaber“: mittwochs, 18 – 20 Uhr, in der UdK (Fasanenstrasse 1 B, Raum 302). Anmeldungen für das Sommersemester im Sekretariat des Instituts für Musikpädagogik, telefonisch unter 030 / 31 85 2333 oder 030 / 81490817.

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