Musik : Genie, Diktator, Wüterich

Vor 50 Jahren starb Arturo Toscanini - wohl der berühmteste Dirigent des 19. und 20. Jahrhunderts. Manche erinnern sich besser an seine Wutausbrüche als an seine Musik.

Rom - Wenn Arturo Toscanini ausrastete, dann richtig: Mal zerstampfte der Italiener eine Taschenuhr, mal trat er das Notenpult um, der zersplitterte Taktstock wurde fast schon zum Markenzeichen. Doch die Unerbittlichkeit, mit der er seinen Musikern und sich selbst Perfektion abverlangte, machten ihn zum "Maestro assoluto", frenetisch gefeiert von New York bis Mailand, verehrt und bewundert - seltener wohl geliebt. Vor 50 Jahren, am 16. Januar 1957, starb Arturo Toscanini fast 90-jährig in New York.

Diejenigen, die ihn noch erlebt haben, greifen durchaus auch zu Worten wie "Diktator" oder "Machthunger", wenn sie von Toscaninis Auftritten sprechen. Ob Beethoven oder Verdi - kompromisslos ging es ihm nur um Eines: Werktreue. Er wollte der Partitur gerecht werden und sonst gar nichts. "Castità" nannte er das, Keuschheit und Reinheit, Interpretationen oder Differenzierungen am Werk lehnte er kategorisch ab, Starkult der Dirigenten war ihm zuwider. Kritiker nannten seine Haltung "Sklaverei der Partitur".

Als der Maestro einmal Beethovens donnernd-pathetischen ersten Satz der "Eroica" dirigierte, meinte der kleinwüchsige Schneidersohn: "Manche sagen, das ist Napoleon, manche Hitler, manche Mussolini. Für mich ist es einfach Allegro con brio." Ein giftiger Widersacher war der Musik-Philosoph Theodor W. Adorno, der nannte die aus penibler Werktreue geborene Musik "Fertigfabrikat", den Maestro "Kapellmeister" oder "Taktschläger". Das kam fast übler Nachrede gleich.

Als Kind im Hochbegabten-Konservatorium

Der am 25. März 1867 in Parma Geborene legte früh ungewöhnliche Fähigkeiten an den Tag: Eine Lehrerin entdeckte, dass er ganze Gedichte nach einem Mal Lesen auswendig aufsagen konnte, dass er am Klavier jede Note sofort traf, die soeben noch gesungen wurde. Mit neun Jahren kam der Hochbegabte ins Konservatorium, der Internatsschüler konnte seine Eltern lediglich einmal pro Woche sehen - noch als Erwachsener sprach er von "Gefängnisatmosphäre". Nach dem Abschluss schlug sich der junge Toscanini zunächst als Cellist ohne festes Engagement durchs Leben.

Den ersten großen Auftritt feierte er als 19-Jähriger, der junge Cellist war mit dem Impresario Claudio Rossi auf Südamerika-Tournee, als es zu Streit mit dem Dirigenten kam. In Rio de Janeiro warf Rossi den Dirigenten raus und teilte Toscanini nur Minuten vor der Aida-Aufführung mit, dass er ans Pult müsse. Der junge Mann hatte noch nie eine Oper dirigiert, auf dem Dirigentenpult fand er lediglich einen Klavierauszug vor, ein kompletter Notensatz stand nicht zur Verfügung. Es hätte eine Katastrophe geben können - doch Toscanini griff zum Taktstock und dirigierte aus dem Gedächtnis. Es war der Auftakt zu einer unvergleichlichen Karriere.

1886 berief man ihn an das Teatro Carignano in Turin, wenig später ging er an die Mailänder Scala. Im Jahr 1907 verließ der schwierige Ausnahme-Dirigent nach Querelen das Haus und übernahm die künstlerische Leitung der New Yorker Metropolitan Opera. Allein die Liste seiner Uraufführungen ist beeindruckend: "Pezzi sacri" von Giuseppe Verdi, "Bajazzo" von Ruggiero Leoncavallo, "La Boheme" und "Turandot" von Giacomo Puccini sowie Opern von Umberto Giordano und Ildebrando Pizzetti - und stets dirigierte er Konzerte und Opern aus dem Gedächtnis. Unter den Nazis weigerte er sich, in Deutschland zu spielen, auch im Mussolini-Italien hielt er es nicht lange aus, 1937 ging er nach New York ins Exil, wo er das NBC-Rundfunk-Orchester leitete - unvergessliche Schallplattenaufnahmen gibt es noch heute.

Am härtesten kritisierte Toscanini sich selbst

Ebenso legendär wie seine Musik und seine Wutanfälle waren seine Rivalitäten, allen voran mit dem deutschen Konkurrenten Wilhelm Furtwängler. Furtwängler nannte Toscaninis Erfolg schlicht "verhängnisvoll", bedauerte, "dass in Amerika die Menschen meinen, dass Beethoven so klingen soll". Toscanini revanchierte sich, nannte den Konkurrenten einen "Hanswurst". Strenger als die Kollegenschelte war nur seine Selbstkritik. Wenn bei einem Auftritt etwa schief lief, sagte Toscanini, "ist das immer meine Schuld, wer glaubt, dass Mozart, Beethoven, Wagner oder Verdi sich irren, ist ein Idiot". (Von Peer Meinert, dpa)

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