Kultur : Musik hat keinen Sicherheitszaun

Der Musiker und Schriftsteller Gilad Atzmon wurde als Jude in Israel geboren. Sein Orient House Ensemble besteht aus Palästinensern und Israelis. Heute tritt die Band beim Berliner Jazzfest auf

Adelbert Reif

„Was ist falsch an Propaganda?“ fragt der Musiker. „Gewöhnlich wird Propaganda von Staaten gemacht. Ich bin allein. Ich besitze keine Macht und zwinge niemanden, mein Buch oder meine CDs zu kaufen. Aber wenn sie die Menschen zum Handeln bewegen und die Palästinenser ermutigt, sich zu wehren, dann macht mich das glücklich.“ Musiker sind friedliche Charaktere. Vor allem wenn sie Jazz machen. Doch Gilad Atzmon, weltweit erfolgreicher Saxofonist, Klarinettist, Komponist und neuerdings auch Romanautor, ist streitbar. 1963 in Israel geboren und in Jerusalem aufgewachsen, wurde er während seines Militärdienstes in der israelischen Armee zum überzeugten Anti-Zionisten. Jahrelang erlebte er die Leiden der Palästinenser aus nächster Nähe.

Diese Erfahrungen haben seinen Zorn genährt, und im Gespräch schreckt er vor harschen Worten nicht zurück: „Was den Palästinensern geschieht, ist zutiefst inhuman. Aber nicht nur den Palästinensern gegenüber. Es ist ein Verbrechen gegen die Welt. Denn es ist das Heilige Land, das hier mit Mauern und Stacheldrähten zerstört wird und in dem all dieses Unrecht geschieht. Als Israeli fühle ich mich dafür verantwortlich.“ Aus Protest gegen die Palästinenserpolitik der israelischen Regierung verlegte er vor zehn Jahren seinen Wohnsitz nach London, um Philosophie zu studieren. Eines Tages jedoch traf er auf Asaf Sirkis, einen Schlagzeuger aus Israel. Die Begegnung weckte erneut sein Interesse an der Musik des Nahen Ostens, Nordafrikas und Osteuropas, die ihn seit seinem Studium an der Rubin Academy of Music in Jerusalem begleitet hatte.

Im Jahr 2000 gründete Atzmon zusammen mit arabischen und israelischen Musikern The Orient House Ensemble, benannt nach dem berühmten Orienthaus in Ostjerusalem, einem Symbol des Widerstandes gegen die israelische Politik. Der Titel ist programmatisch zu verstehen. Und auch „Exile“, das nach „Gilad Atzmon & The Orient House Ensemble“ und „Nostalgico“ (Enja Records) mittlerweile dritte Album des Ensembles, enthält eine Reihe von Stücken mit eindeutig politischer Aussage. So greift Atzmon mit Vorliebe israelische Lieder, jüdische Balladen und hebräische Melodien auf, um sie, versehen mit arabischen Melismen, ironisch zu brechen. Nicht mehr von jüdischen, sondern von palästinensischen Schicksalen erzählen diese Stücke. In „20th Century“, einem Rückblick auf die Kriege des vergangenen Jahrhunderts, fügt Atzmon die Leitmotive aus George Gershwins „It Ain’t Necessarily So“, Duke Ellingtons „Caravan“ und Kurt Weills „Mack The Knife“ ein. „Ich bin überzeugt, dass man mit Musik die Welt verändern kann“, sagt er. „Wenn ich israelische und arabische Musik auf harmonische Weise verbinden kann, dann können vielleicht eines Tages auch Israelis und Araber in Frieden miteinander leben.“

Über seine Protesthaltung hinaus aber ist Atzmon, der als Mitglied der berühmten Blockheads mit Musikern wie Ian Dury, Robbie Williams, Sinéad O’Connor und Paul McCartney zusammenspielte, vor allem Künstler. Den künstlerischen Anspruch würde er seinem humanitären Engagement niemals unterordnen. „Wenn jemand meine Ansichten teilt, aber meine Musik schlecht findet, dann trifft mich das“, räumt er ein. „Es ist mir wichtig, dass die Menschen von meiner Musik bewegt werden, unabhängig davon, ob sie meinen Aussagen zustimmen oder nicht. Ich will eine Musik machen, die den Zuhörern direkt ins Herz geht.“

Tatsächlich sind seine Konzerte alles andere als politische Kundgebungen. Ein paar kritische, meist humorvoll und nie ohne Selbstironie vorgetragene Anmerkungen zu Beginn – und schon gehört der Abend der Musik. In expressiven Arrangements verbinden sich orientalische Elemente mit swingenden Jazzrhythmen. Und ob er Standards wie Duke Ellingtons „In a sentimental Mood“, Nacio Herb Browns „Singing in the Rain“ oder Richard Rodgers’ „My funny Valentine“ spielt oder politisch motivierte Eigenkompositionen wie „Jenin“, ein Stück, das an die Zerstörung eines palästinensischen Flüchtlingslagers erinnert – die musikalische Leidenschaft ist für ihn die gleiche.

Kraftvoll wie seine Bühnenauftritte präsentiert sich auch „Anleitung für Zweifelnde“, der erste Roman des Schriftstellers Gilad Atzmon (dtv Premium). Es handelt sich um die Erinnerungen eines gewissen Professors Gunther Wanker, die im Jahr 2052, als es den Staat Israel schon nicht mehr gibt, vom Leiter des Deutschen Instituts zur Dokumentation Zions Dr. Friedrich Sharavi entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wanker ist als Enkel eines litauischen Juden, der vor den Nazis floh, in Israel aufgewachsen. Von Kindheit an lernte er, alles Deutsche als Symbol für die Dialektik zwischen geistiger Größe und menschlichem Untergang zu begreifen. Mit skurrilem Spott verstößt Atzmon gegen jüdische Tabus und spart nicht mit satirischen Seitenhieben gegen Israel.

Mittlerweile arbeitet er bereits an einem weiteren Roman. Natürlich geht es auch in ihm wieder um Israel und die israelische Identität. „Mich interessiert dieses Bild, das die Israelis von sich selbst entwerfen und in dem sie sich im Hegelschen Sinne widerspiegeln“, erläutert Atzmon. „Die israelische Identität ist besessen von dem Begriff der Auserwähltheit. Die Israelis wähnen sich auserwählt, das Land zu besitzen. Diese Vorstellung beruht auf einem vollkommenen Missverständnis der Bibel. Denn im Judentum bedeutet, auserwählt zu sein, Verantwortung tragen zu müssen. Es ist eine von Gott auferlegte Bürde. Von daher wird es in meinem Roman auch um den Holocaust, das damit verbundene deutsche Schuldgefühl sowie die Versuche der Israelis gehen, dieses Schuldgefühl zu schüren, um es auf professionelle Weise für ihre Zwecke einzusetzen.“

Gilad Atzmon & Orient House Ensemble, Quasimodo, heute, 22 Uhr 30 .

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