Kultur : Musik im Russischen Haus: Eine große Familie - mit Spitzel

Juri Ginsburg

Die Küche in einer alten Moskauer Wohnung, die Einrichtung wie in den frühen 50er Jahren. An den Wänden eine Waschschüssel, ein Abreißkalender, ein klobiges Telefon. Drei Frauen und drei Männer am Tisch versammelt. Sie trinken Tee, Wodka und singen Untergrund-Lieder, die in Rußland jeder kennt: Gauner- und Emigrantenlieder, Odessa Romanzen, Gulag-Balladen. Das ist keine Party. Das sind Mieter einer Kommunalka: Auf Grund der Wohnungsnot und Armut sind sie gezwungen, unter einem Dach in der Gemeinschaftswohnung zu leben. Einer trägt Pyjama, der andere Krawatte. Sie haben miteinander nichts zu tun, gehen einander auf die Nerven und streiten. Vielleicht ist einer ein Spitzel, doch sind sie wie eine Familie. Der Moskauer Regisseur Mark Rosowski inszeniert die sowjetische Vergangenheit in einem Stück, dessen Name für sich spricht: "Lieder unserer Kommunalka": auf seiner Deutschlandtournee gastierte seine Truppe im im Russischen Haus an der Berliner Friedrichstraße.

Die Kommunalka ist eine wohl weltweit einmalige sowjetische Erscheinung - ebenso wie "inoffizielle" Volkslieder. Sie handelten meistens von nichts als von der Liebe, den Launen des Schicksals, von Sehnsucht nach Glück, nur hatte dieses Glück mit dem Aufbau des Kommunismus nichts zu tun. Rosowskis Inszenierung zeigt eine Abfolge von etwa 30 Liedern, jedes ist als Minischauspiel konzipiert und stellt großartige Volksgestalten dar. So erleben wir mal einen romantischen Kleinangestellten, mal einen heruntergekommenen Alkoholiker, eine müde Fabrikarbeiterin oder Putzfrau, eine verliebte Sekretärin: Menschen aus Fleisch und Blut, die ihr Milieu verkörpern. Wie alle alten Lieder klingen auch "Lieder unserer Kommunalka" sehr melodisch, nostalgisch. Gerade diese Sowjet-Nostalgie karikiert Rosowskis Inszenierung, indem er die Gemeinschaftswohnung als Kulisse des sowjetischen Elends zeigt. Das Emigranten-Publikum ist froh, davongekommen zu sein - und gerührt.

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