• Musik in Berlin: Abschied von der Welt: ein Gedenkkonzert für die Opfer der Terroranschläge in der Philharmonie

Kultur : Musik in Berlin: Abschied von der Welt: ein Gedenkkonzert für die Opfer der Terroranschläge in der Philharmonie

Ulrich Amling

Schweigen, das war das Schwerste in diesen Tagen nach dem Unfassbaren. Es tosten die Fernsehbilder, es rauschten Kommentare und Reden. Allein, Trost fand sich selten darin, und wer die Nächte vor dem Bildschirm durchwachte, erlebte den Morgen einsamer, grauer und verzweifelter. Hunderte dieser müden Gesichter waren es, die am Sonntagmorgen in die Philharmonie strömten, wo unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Johannes Rau ein Konzert "In Friendship and Solidarity" mit den Vereinigten Staaten stattfand, unter den Besuchern auch Außenminister Joschka Fischer. Das Orchester der Deutschen Oper, das Berliner Philharmonische Orchester und die Staatskapelle Berlin gedachten gemeinsam der Opfer des Terrors, während das nicht eingeladene Deutsche Sinfonie-Orchester bereits am Abend zuvor Mozarts Requiem unter Gary Bertini als Zeichen der Verbundenheit aufgeführt hatte. Es wurde ein Vormittag der Ruhe, eines tastenden Überprüfens auch, mit welchen Augen man nun in die Welt hineinblickt. Ein Aufspüren von Veränderungen.

Wer in der vergangenen Woche Kulturveranstaltungen in der Stadt besucht hat, der wird die ungeduldig unduldsame Stimmung im Publikum so schnell nicht vergessen, diese Radikalisierung im Verhältnis zwischen Leben und Kunst. Ob bei den Festwochen oder im Berliner Ensemble - der Bühnenalltag war vorbei. Von Subventionsbetrieben wurden plötzlich Antworten und aufrichtige Gefühle gefordert - und viele Institutionen zeigten sich von diesem ungestümen Anrennen der Zuschauer schlicht überfordert. Sollte sich im Angesicht der barbarischen Anschläge zeigen, dass wir dem Fundament unserer Krisenreaktionskraft Nummer eins, der Kultur, nicht mehr trauen, ihr insgeheim schon lange unsere kritische Gefolgschaft aufgekündigt haben?

Wenn einem Gedanken wie diese bei Wagners "Tristan und Isolde" durch den Kopf gehen können, dann muss ein Dirigent am Pult stehen, der aufgetaucht ist vom "Ertrinken, Versinken" des Liedestodes, aufgewacht aus der Nacht, die "unbewusst, höchste Lust" versprach. Christian Thielemann zeigt mit seinem Orchester der Deutschen Oper einen verblüffenden Zugewinn an Rationalität, an feiner Geistesgegenwart gegenüber Wagners wolllüstigem Stürmen und Drängen hin zu "Tod, Sterben, Untergehen". Ein Weg, den Thielemann hoffentlich noch weiter beschreiten wird. Bereits in traumhafter Verfassung zeigten sich die Philharmoniker unter ihrem künftigen Chef Simon Rattle. Der vierte Satz aus Gustav Mahlers neunter Sinfonie, ein von Schönheit und Schmerz durchfluteter Abschied von der Welt, griff ummittelbar ans Herz. Durch das unendlich subtil gestaltete Verstummen der Lebensmelodie in der letzten vollendeten Partitur des Komponisten gelang Rattle ein kostbarer Moment individueller Trauer, dem dankbare Stille folgte. Obwohl dies bereits ein würdiger Schlusspunkt gewesen wäre, beendete Michael Gielen das Konzert mit Schuberts "Unvollendeter". Der in sich selbst ruhende, runde Klang der Staatskapelle versicherte die Anwesenden einer kulturellen Kontinuität, ohne dabei behäbig zu Werke zu gehen. Doch Gielens kühle Handschrift appelliert an die Wachsamkeit: an Herz und Verstand.

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