Kultur : Musik in Berlin: Als säße Beethoven selbst am Klavier

Jörg Königsdorf

Gerade das Besondere des Abends wirft ein trübes Licht auf den Konzertalltag: Beethovens erstes Klavierkonzert, diesmal nicht von einem Pianisten, sondern von einem Musiker gespielt. Stefan Litwin heißt er und macht bei seinem Auftritt mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und Michael Gielen so gut wie alles anders als die aberhundert Klavierarbeiter, deren Beethoven-Darbietungen sich meist so gleichen wie ein Frack dem anderen. Für den 40-jährigen Professor für Ästhetik, Interpretation und Aufführungspraxis an der Musikhochschule ist das Konzertieren keine Finger-, sondern Kopfarbeit: Was die Geläufigkeit angeht, beherrscht er das Konzert nur so gerade eben, leistet sich im Kopfsatz soviele falsche Noten, dass er bei jedem Klavierwettbewerb in hohem Bogen hinausgeflogen wäre.

Musikalisch dagegen ist sein Beethoven-Spiel im Schauspielhaus eine Offenbarung, die den Vergleich mit Rattles "Pastorale" in der letzten Woche nicht zu scheuen braucht: Deren Hauptmerkmale, die Auseinandersetzung mit historischer Aufführungspraxis und die Verschmelzung einer durchkalkulierten künstlerischen Aussage mit der (Schein-)Spontaneität des Moments, bestimmen auch Litwins Spiel: Staccato-Spiel, Klangtransparenz und Registergewichtung mit einem knackigen, rhythmisch lebendigen Bass leiten sich direkt vom Hammerflügel der Beethoven-Zeit her und werden von Litwin mit prächtig schillerndem Steinway-Ton koloriert. Fast denkt man, Beethoven säße selbst am Klavier, so frisch und fast improvisatorisch frei klingt Litwins Spiel: Wenn er im langsamen Satz immer wieder das Stimmungsruder herumreißt, die kantable Anmut in eine glucksende Tanzepisode kippen läßt oder wenn sich das Scherzando-Finale als Jagdmusik mit schmetternden-Hornruf-Imitationen und lautmalerischem Hundegekläff entpuppt, ist man mit Litwin ganz dicht am Beethovenschen Urprinzip der Durchdringung der musikalischen Form. Demgegenüber ist der Rest des Abends gediegen allgemein - obwohl sich Gielen bemüht, dem BSO die zarten Farben für Mendelssohns "Melusine" zu entlocken und sich in der Sinfonischen Dichtung "Ein Sommermärchen" des Dvorak-Schwiegersohns Josef Suk das werkimmanente Brüten in erträglichen Grenzen hält.

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