Kultur : Musik in Berlin: Am Feiertag

Isabel Herzfeld

Die deutsche Einheit, meinte Lothar de Maizière in seiner Festrede, stehe eigentlich vor denselben Problemen wie die beiden Quartettformationen im Kammermusiksaal: einen gemeinsamen Ton zu finden. Das Petersen-Quartett, das an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler studierte, und das Artemis-Quartett aus Lübeck erfüllten diese Aufgabe geradezu vorbildlich - was über die Qualität des Konglomerats jedoch nicht viel aussagt. Denn die "Ossies" sind hier doch ein wenig strenger und herber als die sich ungebremster auslebenden "Wessies". Mendelssohns Oktett steht so unter Führung der Petersens etwas arg unter Druck, der sich nur in den Mittelsätzen zu geschmeidigerem Klang löst. Sehr forsch wirkt das, nicht so liebenswürdig wie sonst von diesem Geniestreich des 16-jährigen Komponisten gewohnt, doch dramatischeren, ernsteren Entwicklungen kommt dies sehr zugute. Unter Artemis-Vorsitz zeigen sich die frühen "Zwei Stücke für Streichoktett" op. 11 von Dmitri Schostakowitsch als Tableau emotionsgeladener, farbenreicher Gesten: von fahler Trauer bis zu verzweifelter Lebensfreude. Wie Schostakowitsch, so wurden auch Erwin Schulhoff und Bela Bartók Opfer des Zivilisationsbruchs des 20. Jahrhunderts, den die beiden totalitären Regimes darstellten - Anlass, ihre Musik in diesem eher nachdenklichen Konzert zu versammeln. Während Schulhoff in seinen "Fünf Stücken für Streichquartett" noch den aufgekratzt-provokanten Zeitgeist von 1923 einfängt, so bringt Bartók vier Jahre später in seinem 3. Quartett bereits hellsichtige Trauer in atonalen Spannungen und motorischer Härte zum Ausdruck. Klanglich fast zu kultiviert nimmt sich Artemis dieser zerrissenen Aufschreie über fahlen Stimmgeflechten an, berührt aber mit lebendig-warmer Tongebung.

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