• Musik in Berlin: Chose mit Pose: Nigel Kennedy spielt Bach in der ausverkauften Philharmonie

Kultur : Musik in Berlin: Chose mit Pose: Nigel Kennedy spielt Bach in der ausverkauften Philharmonie

Carsten Niemann

Es gibt Momente, da wird selbst einem Kritiker flau: Standing Ovations am Freitag für den Geiger Nigel Kennedy und das aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker gebildete "Philharmonische Bach Collegium" im ausverkauften Saal der Philharmonie. Dennoch ärgerlich, dass das bunte Programmheftchen mit zehn Mark sagenhaft überteuert ist. Nicht einmal eine Vorgruppe gibt es; dafür spielt das Ensemble eine der ob ihrer Expressivität berühmten Streichersinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach: sauber, gediegen, aber nicht so bissig und schroff wie andere Ensembles. Nun, für Bissigkeit und Expressivität ist Kennedy da. Nur dass der Konzerte von Vater Johann Sebastian darbietet. Und denen wollen seine aggressiven Akzente, sein gelegentlich virtuoser, aber oft verkrampfter Wechsel von harschem Forte zu zerbrechlichem Piano nicht immer bekommen. Ohne Pose geht die Chose nicht: Dass Kennedy bockig den Takt stampft, gehört zu Show und Image. Aber nun auch laienhaftes Mitdirigieren und versonnene Blicke in die Ewigkeit? Überzeugender als die Solokonzerte gelingen die berühmten beiden d-moll-Konzerte im Verein mit Dominik Wollenweber (Oboe) und Daniel Stabrawa (Violine): Zwar kann Kennedy auch hier in den Ecksätzen keine Ruhe finden, scheint den nobel blasenden Hünen Wollenweber wie ein aufgeregter Pinscher zu umtänzeln. Doch in den langsamen Mittelsätzen kommt es zu intensiven Momenten gemeinsamen Musizierens: Hier verlieren sich auch die gelegentlichen Unreinheiten. Kennedys charakteristischer, vibratoarmer, sprechender Ton wirkt endlich nicht nur im Kontrast, sondern im Dialog mit dem edlen Melos seiner Partner auf dem Podium.

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