Kultur : Musik in Berlin: Der Dunst der Stunde

Eckart Schwinger

Gleich zu Beginn beeindruckte der durch Eric Ericson weltberühmt gewordene Schwedische Rundfunkchor in der Philharmonie mit dem kleinen, schlichten Wunderwerk "Pater noster" von Strawinsky durch seinen samtig-dunklen Wohlklang, seine unvergleichliche Homogenität. Wie sich danach Manfred Honeck, der Musikdirektor des Stockholmer Rundfunk-Sinfonieorchesters, blitzschnell auf das rhythmische Erdbeben des "Sacre du Printemps" umstellte und bei aller rhythmischen Schärfe mit hoher musikalischer Empfindsamkeit und Klangfarbennuancierung hervortrat, machte nicht minder Eindruck.

Schonungslos streng und energisch ernst waren auch die Konturen beim Mozartschen Requiem gezogen. Christian Elsner, Carsten Stabell und der Schwedische Rundfunkchor bildeten ein außerordentlich flexibles Vokalensemble von eindringlicher rhetorischer Qualität. Dennoch hinterließ die Bearbeitung des Werks durch Manfred Honeck einen zwiespältigen Eindruck, weil er eine etwas bemüht wirkende Aktualisierung beziehungsweise allzu persönliche Erweiterung des unvollendeten Werkes vorgenommen hat. Da wurden zwischenhinein Gregorianische Choräle gesungen (die sich jedoch auf einer ganz anderen Meditationsebene bewegen), ein Brief Mozarts an den Vater ("Der Tod ist mein wahrer und bester Freund"), zwei Gedichte von Nelly Sachs und Worte aus der Offenbarung des Johannes vorgetragen (Martin Schwab). Ein nahtlos ineinander greifendes Ganzes war das nicht. Am ehesten fügten sich noch allbekannte Mozartsche Kostbarkeiten ein wie die "Maurerische Trauermusik", das "Laudate dominum" und "Ave verum corpus". Peinlich berührte hingegen, dass Honeck die Soloposaune beim "Tuba mirum" auf dem Orgelrang zur Schau stellte und am Anfang und Ende die Totenglocke für Mozart anschlagen ließ.

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