Kultur : Musik in Berlin: Der kleine Götterfunken

Carsten Niemann

Der heiter lächelnde Mozart ist ein grauenhaftes Klischee, aber solange es Mozartkugeln und die "Kleine Nachtmusik" gibt, lässt sich nicht viel dagegen ausrichten. Nicht einmal von Murray Perahia, und auch nicht vom Chamber Orchestra of Europe. Der Versuch, im Kammermusiksaal der Philharmonie eine neue Sicht auf die Serenade zu bieten, muss wohl scheitern. Man kann allenfalls noch übermalen oder demontieren. So weit ging Perahia zwar nicht, aber er unterzog das Werk einer kühlen Analyse. Mit kräftigem Strich, sachlich, flott, fast ein bisschen scharf nahmen die Streicher die Sätze unter ihre Bögen. Phrase folgte auf Phrase, einem überlegten Bauplan folgend, doch nicht aus innerer Notwendigkeit.

Lehre: Nehmt der Serenade den Charme, lenkt die Aufmerksamkeit von der anmutigen Melodie auf die Konstruktion und ihr merkt, dass Mozart schon spannendere Modulationen ausgetüftelt hat. Zum Beispiel in der Sinfonie Nr. 35, die Perahia in den Ecksätzen allerdings nicht nur forsch, sondern mit einem aggressiven Unterton anging. Gespannte Erwartung in der Pause: In dieser schroffen Stimmung sollte Perahia Beethovens erstes Klavierkonzert wohl gelingen. Die Überraschung: wo zuvor Charme und Verbindlichkeit fehlten, hatte der Pianist beides parat. Auf den Tasten erlaubte er sich auch die raunenden, die flüsternden Töne, ließ bei nicht gerade sparsamen Pedalgebrauch wohlige Klangwolken aufsteigen und begeisterte durch seine einschmeichelnden Läufe, bei denen man jeden Ton in der Magengegend spürte. Das Orchester konnte hier nicht ganz mithalten, ließ sich aber von Perahias Inbrunst anstecken. Und schon war er übergesprungen auf das Publikum, der kleine Götterfunke der Begeisterung.

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