Kultur : Musik in Berlin: Die Kunst der Kugel

Carsten Niemann

Die Idee hat Charme. Rund um den Erdball machten sich im Jahr 2000, zum 250. Todestag Johann Sebastian Bachs, Komponisten daran, sich in ihrer jeweiligen musikalischen Sprache mit der "Kunst der Fuge" auseinander zu setzen. Jenem Hauptwerk des musikalischen Weltkulturerbes also, über dem der Verfasser der Legende nach gestorben sein soll. Kein Wunder, dass sich viele Komponisten für den Auftrag des Kaprizma Ensembles Jerusalem begeisterten, sich mit der ewig offenen Frage des schwersten Brockens aus Bachs Vermächtnis auseinanderzusetzen. Jetzt präsentierte das Kammerensemble die ersten Früchte dieses Länder, Sprachen und Religionen übergreifenden Projektes im kleinen Konzerthaus-Saal und bei einem Benefiz-Abend der Allgemeinen Hospitalgesellschaft zugunsten traumatisierter Frauen in Bosnien im Hotel Adlon.

Wer sich überraschende Kommentare oder gar Neudeutungen zu Bachs Werk erwartete, wurde enttäuscht. Vor der komplizierten und doch zwingend einfach klingenden Logik des Originals wirkten die Paraphrasen des komponierenden Ensembleleiters Israel Sharon seltsam unbekümmert. Einige hübsche Effekte für die virtuosen Mandoline- und Akkordeonspieler präsentierte der 21-jährige Omer Wellber. Dass seine "Funsg Ter Kuge" ein Anfängerwerk ist, machte sich allerdings in der simplen Reihung kurzer Einfälle bemerkbar.

Margret Wolf enthob sich der strukturellen Auseinandersetzung ganz, in dem sie Bachs melodische Linien kurzerhand zu Klangblöcken zusammenstauchte, die dann munter barbaristisch hämmern durften. Das Verfahren hätte zwar auch bei jedem anderen Stück funktioniert, aber immerhin setzte sie sich dadurch nicht dem Vergleich mit dem Meister aus wie Stefan Wolpe: Die verkitschten Totenglocken seiner "Vollendung" der letzten Fuge gaben Bachs Werk endgültig die Mozartkugel.

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