Kultur : Musik in Berlin: Energischer keifen

Carsten Niemann

Bei der Berlinale war es wieder Hofkompositeur Jean-Baptiste Lully, der sich im Glanze Ludwigs XIV. sonnen durfte. Allerdings nur in Gérard Corbiaus mäßigem Film. Sein Rivale Marc-Antoine Charpentier, dem die höchste Gunst des Sonnenkönigs verwehrt war, konnte sich dagegen vor dem Publikum im Kammermusiksaal der Philharmonie immerhin von seiner besten musikalischen Seite zeigen. Und das in tadellos sitzendem, historischen Klanggewand. Zwei seiner exquisiten Spätwerke präsentierten der RIAS-Kammerchor und die Akademie für Alte Musik unter Marcus Creed: "Judicium Salomonis", eine dramatische Züge tragende Motette, und die groß angelegte "Missa Assumpta est Maria". Von der für seinen Stil untypischen "Eurovisions-Fanfare" abgesehen, ist Charpentiers delikate Klangsprache auch vielen Kennern nicht im Ohr. Um so bewundernswerter, wie es den Musikern auf Anhieb gelang, eine eigene, durchgehend stimmige Interpretation dieser Musik hinzulegen: Eine Interpretation mit leicht deutschem Akzent; erdenschwerer, die Linien im kontrapunktischen Geflecht und die verzahnten Einsätze mehr betonend als die vor einiger Zeit in Berlin zu bewundernden französischen Charpentier-Experten von "Les Arts Florissants", aber mit körperreichem Klang und geradezu physisch wahrnehmbaren Einsätzen des vollen Chores. Charpentier nannte Vielfalt "die Essenz der Musik"; er suchte diese Vielfalt allerdings nicht in bunter Instrumentation oder plakativ gegeneinander gesetzten Kompositionsabschnitten. Er verwirklichte sie im Detail der unablässig changierenden Melodien und in den schier unerschöpflichen Kombinationen der Stimmen des mehrfach unterteilten Gesangsensembles. So war es nur konsequent, dass auch die solistischen Partien von Chorsängern übernommen wurden. Nur als es zu Salomons Urteil kam, hätten die beiden streitenden Frauen noch energischer keifen und sich die Continuogruppe dafür Christian Mückes zartem König Salomon respektvoller unterordnen dürfen.

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