Kultur : MUSIK IN BERLIN: Fein und flusig

JÖRG KÖNIGSDORF

Ist das nun große Musik? Die definitive Form des Solokonzertes am Ende des Jahrtausends? Krystof Pendereckis zweites Violinkonzert ist auf jeden Fall gute Musik, zeugt von überlegender Satzkunst, formalem Dispositionsvermögen.Angenehm liegt das Werk seine fast 40 Minuten lang im Ohr, bietet dem Solisten Möglichkeit, Brillanz zu zeigen, auf seinem Instrument zu singen.Ein postromantisches Virtuosenkonzert, zugeschnitten auf die Interpretenpersönlichkeit Anne-Sophie Mutters.Es spricht für die Qualität der Musik, daß sie bei ihrer Berliner Erstaufführung auch ohne das Charisma der Widmungsträgerin Wirkung entfaltet.Chantal Juillet, Solistin beim RSB-Konzert im Schauspielhaus, besitzt weniger stage-animal-Anteile als Deutschlands Lieblingsgeigerin, geht das Werk mit feinem Ton an.Endlich eine Geigerin, die Vibrato als sparsam zu dosierendes Stilmittel versteht.Phantastisch präzis intonierend und griffsicher operiert Juillet vom Standpunkt interpretatorischen Understatements aus, bleibt auch in den Bravourpassagen leicht und agil, spinnt melodische Linien mit edlem Gleichmaß statt sie mit exhibitionistischer Dynamik aufzuladen.Das nimmt dem Werk jede Kitschnähe.Eine Gefahr, der Lawrence Foster am Pult des RSB im zweiten Programmteil erliegt.Nun sind Liszts sinfonische Dichtungen heikle Stücke, die ihre Überzeugungskraft allein durch den verklammernden pathetischen Elan des Interpreten gewinnen.Zu brav angegangen, zerfallen sie in Potpurri-Episoden, die hymnischen Blech-Apotheosen hängen als Promenaden-Tschingderassabum in der lauwarmen Luft.Foster versäumt es, die notwendige Hysterie zu entfachen, das "Mazeppa"-Thema erscheint in den Posaunen mit bräsiger Gemütlichkeit.Durchgängig läßt er das Blech zu breit aufspielen, verkehrt dessen dramaturgische Funktion vom vorantreibenden Signal zum Bremsklotz.Angesichts dieser Grundvoraussetzungen mißglückt gerade "Les Preludes": Nach einer flusigen Einleitung kann sich kein Spannungsverhältnis zwischen den Themen entwickeln.Ohne sinfonischen Bogen wird Liszt unter Wert verkauft.

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