Kultur : Musik in Berlin: Frühlingsträume

Isabel Herzfeld

Als "chose légère" und "chose charmante" besingt Simone Nold die Liebe aus der Feder Gabriel Faurés. Leicht wie ein Vogel ist dieser Sopran, schwingt sich in der Rilke-Vertonung "Lacrimosa" von Ernst Krenek mühelos in schwindelerregende Höhen auf, bewahrt selbst in den halsbrecherischsten Sprüngen ihren ebenmäßigen Glanz. Kein kaltes oder dämonisches Funkeln wie bei so mancher großer Opernstimme, sondern ein warmes, freudiges Leuchten, das sie förmlich prädestiniert für Lieder wie "Frühling lässt sein blaues Band ... ", das nach begeistertem Applaus im Apollo-Saal als Zugabe erklingt. Denn der lyrische Sopran der Simone Nold kann wie pure Poesie klingen.

Doch der honigsüße Zauber hat auch seine Grenzen. Den skurrilen Humor der Mörike-Lieder von Hugo Wolf trifft Simone Nold zunächst kaum, wagt auch keine wirklich offenherzige Koketterie. Burkhard Kehring am Klavier unterstreicht ebenfalls eine gewisse Unentschlossenheit mit bald hauchzartem, bald hart aufflackerndem Zugriff - eine Härte, die zum Forcieren antreibt.

Doch das ist bei Viktor Ullmanns "Six Sonnets de Louïse Labé" wieder vergessen. In weniger nervösem Tonfall findet Nold zu sich selbst, entlockt der schwierigen chromatischen Linienführung eine ganze Palette von Gefühlsnuancen, von zarter Resignation bis zum wilden Aufschrei. Das ist nichts mehr "légère" oder "charmante", da heißt es: "Ich leb, ich sterb: ich brenn und ich ertrinke". Diese leidenschaftlichen Gesänge des in Auschwitz ermordeten Komponisten "auszugraben" wäre Verdienst genug. Nolds Interpretation macht ihre Qualität bestürzend offenbar.

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