Kultur : Musik in Berlin: Glasiger Glanz

Ulrich Amling

Reines Wasser muss durch einen tiefen Stein. Sagt die Sprudel-Werbung. Erst wenn es durch viele Erdschichten gesickert ist, darf es sich pur nennen. Und das kann dauern. Von einer Erkrankung seiner rechten Hand zur Zwangspause verurteilt, griff der Pianist Murray Perahia zu Bach und analysierte dessen harmonische Verläufe. Diese Jahre haben Perahia, der im Ruf eines hypersensiblen Romantikers stand, verändert. Sein Mozart-Schubert-Chopin-Programm in der Philharmonie verriet mit jedem Takt, dass es zuvor durch den Filter der Bach-Studien geronnen war. Aber was in Mozarts Fantasie c-moll noch durch ungewöhnliche Abgeklärtheit überraschen konnte, bekommt bald einen fatalen Nachgeschmack. Unter Perahias Fingern, die ihre virtuose Geläufigkeit wiedergewonnen haben, droht die Musik, ihre Eigenheiten zu verlieren.

Mozarts Stimme erklingt merkwürdig hohl, der rebellierende Schubert wird mit einem edlen Tuch geknebelt und Chopinkurzerhand seiner Identität beraubt. Jeder Klang soll zu frischem Quellwasser werden, ob er will oder nicht. Das trifft vor allem Schubert und die Besonderheiten seiner Formbildung. Nur in kurzen Intervallen gelingt es dem Pianisten, das musikalische Material glaubhaft zu verflüssigen. Doch die nächste Bruchstelle, die nächste bloß vorgetäuschte Durchführung verschleift er mit hängenden Tempi so sehr, dass trotz kultiviertem Anschlag die Bewegung zum Erliegen kommt. Besonders im Finalsatz führt dies zu Missverständnissen. Die verzweifelten Versuche des Komponisten, einen Schlusspunkt zu setzen, genährt von dem tragischen Wissen darum, dass dies unter Wahrung der Form unmöglich ist, sind in Perahias Lesart nur unbedeutende Auswüchse eines musikalischen Eskapismus.

Mit Chopins Balladen, Etüden und Scherzi verbreitet der Pianist schließlich glasigen Glanz: Augen, aus denen alles Leben gewichen ist. Das nächste Mal schenkt uns Perahia statt Selters hoffentlich wieder Wein ein. Reinen, versteht sich.

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